Alte Bäume

© Frank Freimuth


Der schmale Pfad

Sein Anfang ist nicht weit von meinem Haus,
ein schmaler Pfad, der durch die Wiese führt,
vorbei an weit verstreuten Büschen,
zu einem Abhang hin, wo ihn das Auge dann verliert.

Unendlich zärtlich windet er sich durch das Gras,
nicht schnurgerade, sondern stets gewunden,
vorbei an Mulden und an Hügeln, so unbedeutend,
dass nur durch Spüren aufgefunden.

Kein Künstler könnte sich erdenken,
was Füße hier jahrzehntelang erschritten,
kein Maler könnte Striche ziehen
mit Fransen wie aus abertausend Tritten.

Wie oft schon gingen Menschen hier entlang,
die Nachbarn, Fremde, meine Frau und ich.
Auch heute werden sich die alten Füße plagen,
So lässt der lange Tag sich gut ertragen.



Wir reden

Wir reden stets von alten Zeiten,
von Paps, von Heinz und auch vom Teddybär,
wir teilen diese Welt für halbe Stunden,
doch jeden Tag verliere ich dich mehr.



Immer kleiner

Er wurde immer kleiner
in seiner Schweigsamkeit,
dann war er ganz verschwunden,
gefallen aus der Zeit.



Die Blume

Die Zeit war ihm schon weit voraus,
als er im Wald die Blume fand;
er kehrte jeden Tag zurück
und sprach zu ihr am Wegesrand.



Das kleine Kreuz

Das kleine Kreuz inmitten der Termine
mit deinem Namen und dem Datum dran,
erinnert mich, wie es zu Ende ging,
und sagt doch nichts darüber, wann
und wie sich deine Welt im Niemandsland verfing,
ob dort ein Teil davon zu blauem Eis gefror
und ob ich dich deshalb noch mehr verlor.



Der alte Baum

Am alten Baum, den ich am Rand der Wiese finde,
lass ich die letzten Äpfel, die ihm blieben;
ich streiche zärtlich über seine Rinde
und freue mich, dass ihn auch Vögel lieben.



Eines Tages

Der alte Baum im Hinterhof,
er geizte mit den Früchten und trotzte so der Zeit,
doch streckte er die Äste nach der Sonne
und eines Tages war es dann soweit.



Am Fenster

Die hübsche Polin hat ihn hingeschoben
ans Fenster, weil die Straße bebt,
sein Blick ist starr nach vorn gerichtet
und keiner weiß, wo er jetzt lebt.



Im Stadtpark

Zwei Syrer schlüpfen kopfgeneigt in ihre Handys,
die junge Frau macht Selfies mit dem Stick,
ein alter Mann ertastet sich die Bank
und schaut zurück mit leerem Blick.



Yes, I'm Old

Yes, I'm old and my hair is almost grey,
But there's still love around
and I have always found:
Green grass is good, but not as good as hay.



Der Kreisel

Schnell wie ein Kreisel dreht sich um mich die Welt
und alles wird verwischt zu weißem Dunst;
wenn der sich lichtet und der Kreisel fällt,
erweist mir dann die Wahrheit ihre Gunst?



Mein Frühling

Es war fast Winter und ich dachte,
jetzt würden Dach und Garten weiß,
die Schritte kleiner und ganz sachte,
die Füße klamm und kalt wie Eis.

Doch Winter säumte; die pralle Sonne ließ
die Zweige eines Strauchs mit Blüten krönen,
die Wolke weichen, die mir Frost verhieß,
und meinen Tag sich mit dem Traum versöhnen.

Ich darf nicht glauben, Frühling werde bleiben,
besteht doch Winter auf den alten Rechten,
will meinen Frühling ungerührt vertreiben
und Kälte bringen nach so warmen Nächten.

Noch ist nicht Winter, doch bald bricht er herein;
lasst ihn noch bleiben, den letzten Sonnenschein.