Baudelaire: Au Lecteur


Charles Baudelaires Au Lecteur - Fundament eines Albtraumschlosses

von Frank Freimuth

Charles Baudelaire hat seinem Werk Les Fleurs du mal eine einführende Botschaft an den Leser vor­angestellt. Sie ist in zehn vierzeilige Strophen gefasst und trägt die Überschrift Au Lecteur. Ob in die­ser Botschaft schon der "Poet" zu uns spricht, also die Kunstfigur, die im Inneren der Fleurs als Spre­cher auftritt, lässt sich nicht sicher sagen. Ich nenne den Sprecher im folgenden nur "den Autor", ver­stehe darunter aber nicht Charles Baudelaire in seiner Alltagspersönlichkeit, sondern nur eine beson­dere Art von lyrischem Ich.

Mit Au Lecteur serviert der Autor keine Schonkost. Stefan George, dem eine einzigartige Übersetzung der Fleurs gelang, missbilligte das Gedicht und nahm es nicht in seine Übertragung auf. Dabei ist es von großer Bedeutung für das Verständnis der Fleurs, denn es enthüllt das Menschenbild des Autors und beschreibt einen der wichtigsten der darin vorkommenden Begriffe, den "Ennui".

Au Lecteur

La sottise, l'erreur, le péché, la lésine,
Occupent nos esprits et travaillent nos corps,
Et nous alimentons nos aimables remords,
Comme les mendiants nourrissent leur vermine.

Nos péchés sont têtus, nos repentirs sont lâches;
Nous nous faisons payer grassement nos aveux,
Et nous rentrons gaiement dans le chemin bourbeux,
Croyant par de vils pleurs laver toutes nos taches.

Sur l'oreiller du mal c'est Satan Trismégiste
Qui berce longuement notre esprit enchanté,
Et le riche métal de notre volonté
Est tout vaporisé par ce savant chimiste.

C'est le Diable qui tient les fils qui nous remuent!
Aux objets répugnants nous trouvons des appas;
Chaque jour vers l'Enfer nous descendons d'un pas,
Sans horreur, à travers des ténèbres qui puent.

Ainsi qu'un débauché pauvre qui baise et mange
Le sein martyrisé d'une antique catin,
Nous volons au passage un plaisir clandestin
Que nous pressons bien fort comme une vieille orange.

Serré, fourmillant, comme un million d'helminthes,
Dans nos cerveaux ribote un peuple de Démons,
Et, quand nous respirons, la Mort dans nos poumons
Descend, fleuve invisible, avec de sourdes plaintes.

Si le viol, le poison, le poignard, l'incendie,
N'ont pas encor brodé de leurs plaisants dessins
Le canevas banal de nos piteux destins,
C'est que notre âme, hélas! n'est pas assez hardie.

Mais parmi les chacals, les panthères, les lices,
Les singes, les scorpions, les vautours, les serpents,
Les monstres glapissants, hurlants, grognants, rampants,
Dans la ménagerie infâme de nos vices,

Il en est un plus laid, plus méchant, plus immonde!
Quoiqu'il ne pousse ni grands gestes ni grands cris,
Il ferait volontiers de la terre un débris
Et dans un bâillement avalerait le monde;

C'est l'Ennui! L'oeil chargé d'un pleur involontaire,
II rêve d'échafauds en fumant son houka.
Tu le connais, lecteur, ce monstre délicat,
- Hypocrite lecteur, - mon semblable, - mon frère!

Ich will zunächst dem Gedankengang des Autors anhand des Textes folgen und dann einige Anmer­kungen machen, die sich daraus erschließen. Der Versuchung, auf das Innere der Fleurs Bezug zu nehmen, will ich dabei widerstehen. Das Gedicht soll für sich sprechen, und nur das Gedicht.

In der ersten Strophe schreibt uns der Autor vier negative Eigenschaften zu: die Dummheit (die Be­schränktheit), den Irrtum, die Sünde und den Geiz. Mit "uns" meint er, neben sich selbst, sicherlich seine voraussichtlichen Leser, zunächst wohl die gebildeten Menschen seiner Zeit und seines Landes, Franzosen des Second Empire. Aber auch spätere Leser dürfte er im Vertrauen auf die Qualität seiner Verse im Sinn gehabt haben. Wir können annehmen, dass er sich vornehmlich an den Menschen der christlich-abendländischen Kultur orientiert und uns selbst angesprochen fühlen. Dass uns der Autor Dummheit und Irrtum zuschreibt, empfinden wir wohl kaum als Affront, zumal er sich selbst nicht ausnimmt und wir alle uns der Beschränkungen des menschlichen Wesens bewusst sind. Auch dass er uns als Sünder bezeichnet, wird uns nicht übermäßig überraschen, vor allem nicht die Älteren un­ter uns, die noch das wehmütige Lied "Wir sind alle kleine Sünderlein" kennen. Und doch ist die Nen­nung der Sünde bemerkenswert, weil dieser Begriff eine direkte Verbindung zur christlichen Gedan­kenwelt herstellt. Die Sünde ist, wie wir sehen werden, das erste wichtige Glied in einer längeren Ar­gumentationskette. Den Geiz würde man normalerweise den Sünden zuordnen. Dass der Autor ihn gesondert aufführt, mag ein Seitenhieb auf die kapitalistisch ausgerichtete Gesell­schaft seiner Zeit sein. Bemerkenswert ist jedenfalls der Schluss der Strophe, in dem der Autor be­merkt, dass wir zwar Gewissenbisse wegen der schlechten Eigenschaften hätten, sie aber als nichts Belastendes empfän­den und sie sogar noch nährten.

In der zweiten Strophe wendet sich der Autor vollkommen dem christlichen Begriff der Sünde zu, mit einem deutlich kritischen Unterton. Die Sünde sei hartnäckig, sagt er, andererseits sei die Reue lasch und wenn wir unsere Sünden geständen, also beichteten, ließen wir uns dies teuer bezahlen. Mit der Bezahlung meint der Autor wohl die Freisprechung nach der Beichte. Danach, so der Autor, wander­ten wir weiter auf demselben schlammigen Pfad und vergössen höchstens ein paar unlautere Tränen.

Strophe drei bringt Satan ins Spiel. Der Beiname Trismégiste, den der Autor ihm mitgibt (der Drei­malgroße), ist im Altertum dem Gott Hermes zugeschrieben worden, der als Begründer der Wissen­schaften und der Alchimie gilt. Vielleicht will der Autor damit im Leser einen Gedankensprung zur göttlichen Dreifaltigkeit evozieren. Dieser dreimalgroße Satan, sagt er, bringt uns die auf dem Bösen beruhenden Freuden nahe und nimmt uns auch den Willen, dagegen anzukämpfen.

In Strophe vier setzt sich die Schilderung von Satans Einwirken fort. Er sei es, der die Fäden in der Hand halte, die unser Tun bestimmen. Er lasse uns an Abstoßendem Lust empfinden. Jeden Tag stie­gen wir deswegen einen Schritt mehr zur Hölle hinunter, ohne dass wir dabei Schrecken empfänden.

In Strophe fünf spielt dann zum ersten Mal der Sexualtrieb eine Rolle, allerdings in einer abstoßen­den Form. Wie ein alter Hurenbock, der sich an der Brust einer alten Prostituierten festsaugt, so der Autor, stehlen wir uns unsere Lust, als ob wir eine alte Orange auspressten.

Strophe sechs wartet mit zwei ekelerregenden Bildern auf, die den Zustand der Menschheit noch düsterer erscheinen lassen: wie ein Gewimmel von Millionen Würmern hause ein Volk von Dämonen in unserem Gehirn, und mit jedem Atemzug, den wir tun, fließe der Tod wie ein unsichtbarer, dumpf klagender Strom in unsere Lungen hinab.

In Strophe sieben endet die bisherige Gedankenführung mit einem Paukenschlag, der geeignet ist, uns, die angesprochenen Leser, aus den Sesseln zu reißen, in denen wir es in der vom Autor beschrie­benen Lethargie bequem gemacht haben. Wenn wir uns Schändung, Gift, Dolch, und Feuerlegen noch nicht im täglichen Leben zu eigen gemacht haben, so sagt er sinngemäß, dann nur, weil unsere Seelen dazu nicht kühn genug seien. Denn tatsächlich seien diese Laster amüsant. Nicht genug damit, beklagt er auch noch, dass wir die notwendige Kühnheit nicht aufbringen:

C'est que notre âme, hélas! n'est pas assez hardie.

Mit dem eingeschobenen "hélas" (ach) drückt er sein Bedauern aus, dass die Menschen aus Feigheit ihren destruktiven Trieben nicht freien Lauf lassen. Fassen wir dies mit den vorher geäußerten An­nahmen des Autors zusammen, so ergibt sich folgender Gedankengang: Wir empfinden im Grunde Lust an unseren sündhaften Missetaten. Wenn wir sie uns nicht verkneifen können, vollführen wir sie im Verborgenen. Wir beichten sie als Sünden, lassen uns von ihnen freisprechen und machen danach weiter wie gewohnt. Besser wäre es, so die Meinung des Autors, die Frevel gleich offen zu begehen. Eine Begründung für diese Einstellung gibt er an dieser Stelle noch nicht.

Die Strophen acht bis zehn liest man am besten zusammen. Sie bilden einen fulminanten Abschluss, der den Leser noch mehr aufwühlt und ratloser macht als die siebte Strophe. Noch einmal zählt der Autor uns anhand von Metaphern unsere Laster auf, nur um dann mit einer überraschenden Wen­dung ein weiteres, noch ungenanntes zu präsentieren, das noch schlimmer sei als alle vorher genann­ten, nämlich die Langeweile (Ennui). Er charakterisiert sie als sanftes Monster, das sich ruhig und wasserpfeiferauchend gedanklich den schlimmsten Dingen hingibt, das vom Schafott träumt und am liebsten die ganze Welt zerschlüge. Als sei dies nicht genug, vermittelt der Autor seinem "verloge­nen" Leser (hypocrite lecteur) noch auf ironische Weise (tu le connais, lecteur, ce monstre délicat), dass dieser selbst von diesem Monster besetzt sei. In einem Nachklapp setzt sich der Autor in dieser Hinsicht dem Leser gleich. Er nennt ihn sein Ebenbild (mon semblable), seinen Bruder (mon frère).

Schlägt man im Wörterbuch die deutsche Bedeutung von "Ennui" (in der Einzahl!) nach, so findet man als wichtigste Übersetzung "Langeweile", daneben auch "Lustlosigkeit" und "Verdruss". Von diesen dreien trifft "Langeweile" wohl am ehesten das vom Autor Gemeinte. Und doch stellt diese Lösung nicht ganz zufrieden, verbindet man doch mit Langeweile auch das harmlose Gefühl, das einen an einem verregneten Sonntag beschleicht, an dem das Wetter die obligatorische Wanderung verhindert. Ein solche Langeweile lässt sich meist mit einem Kino- oder Cafébesuch beseitigen. Der "Ennui" im Gedicht ist aber von ganz anderem Kaliber. Er entsteht nicht durch schlechtes Wetter, sondern dadurch, dass die mit schlimmen Anlagen ausgestatteten Menschen diese nicht ausleben oder nicht ausleben können, also durch eine Zügelung von Trieben. Im heutigen Sprachgebrauch handelt es sich also mehr um eine Frustration (Versagung) als eine unschuldige Langeweile. Der Freudsche Begriff der Versagung existierte aber zur Zeit der Entstehung des Gedichts noch nicht. Vielleicht hätte der Autor sie verwendet, wenn er sie zur Verfügung gehabt hätte, vielleicht hätte er trotzdem "Ennui" verwendet, um den Leser durch die Verfremdung des Begriffes zu konsternieren.

Mit der Kenntnis der letzten drei Strophen und des darin enthaltenen Konzepts des "Ennui" können wir die Motive nachvollziehen, die den Autor in Strophe sieben zu seiner provokanten Meinung kom­men lassen, es sei besser, zu den Lastern zu stehen als sie zu unterdrücken. Rekapitulieren wir hierzu den Kern des Gelesenen! Das Menschenbild des Autors wird in den ersten sechs Strophen anhand drastischer, teils bizarrer Bilder und Metaphern ausgebreitet. Es ist zutiefst pessimistisch. Demnach ist der Mensch von Lastern besetzt, deren Ausleben ihm Lust bereitet. Die christlich-abendländische Moral mit ihrem Begriff der Sünde kann ihn darin nur unvollkommen zügeln. Bemerkenswert ist dabei nicht nur die Sündhaftigkeit, die der Autor dem Menschen zuschreibt, sondern auch ihr Aus­maß. Der Mensch ist für ihn nicht grundsätzlich gut, auch nicht ambivalent, sondern grundsätzlich schlecht.

Im Gedicht werden zwei Alternativen des Umgangs mit dieser Schlechtigkeit präsentiert. Bei der ersten, in Strophe sieben, lässt der Mensch seinen dunklen Trieben freien Lauf. Schändung, Gift, Dolch und Feuerlegen sind die vom Autor genannten Folgen. Die zweite Alternative wird in den letz­ten drei Strophen behandelt. Sie besteht aus der Zügelung der dunklen Triebe durch die Moral. Leider endet diese Zügelung in dem, was der Autor den "Ennui", die Langeweile nennt. Sie ist, weil die Gezügelten und Sichzügelnden zerstörerische Fantasien entwickeln, welche die ganze Welt bedrohen, nach Meinung des Autors das schlimmste aller Laster. Wir können also entweder dem Bösen in uns freien Lauf lassen oder es zu zügeln versuchen, was noch schlimmere Folgen hat. Es ist deshalb nur konsequent, wenn der Autor am Ende der Strophe sieben die erste Alternative befür­wortet, also das Ausleben der dunklen Triebe.

Während die Logik des Autors zwingend ist, erscheinen die Annahmen, auf den seine Schlüsse beru­hen, bizarr übersteigert. Es sind vor allem zwei Dinge, die man in Frage stellen könnte. Da ist zum einen das Menschenbild, das an unserer Spezies nichts Gutes lässt. Positive Wesenszüge kommen in dem Spiegel der Eigenschaften, den uns der Autor in den ersten sechs Strophen vorhält, schlichtweg nicht vor. Der zweite Knackpunkt betrifft die Wirkung der moralischen Zügelung. Glaubt man dem Autor, so vermiest sie uns entweder die Lust an unseren triebgesteuerten Handlungen, wenn wir diese heimlich und verstohlen vollziehen, oder aber sie schafft alleszerstörende Impulse, wenn wir tatsächlich gezügelt werden.

Den Leser zu konsternieren, ihn mitunter agressiv zu konfrontieren, ist eine Technik, die im Gedicht unablässig zum Einsatz kommt. Eindrucksvolle Beispiele dafür sind die Präsentation des "dreimal­großen" Satans als desjenigen, der die Fäden zum Verhalten des Menschen in der Hand hält, die Be­schimpfung des Lesers als heuchlerisch (verlogen) und die Aussage, das Gehirn des Menschen sei von einem Dämonenvolk besiedelt, das sich aufführe wie eine Million Würmer auf engem Raum. Konster­nation und Konfrontation be­ruhen dabei häufig auf überspitzten und drastischen Formulierungen und der Wahl ebensolcher Metaphern und Analogien. Eine andere Technik ist das Umstürzen, das Auf-den-Kopf-stellen von etablierten Ein­sichten. Wir finden es in der Positionierung von Satan als Weltenlenker, in dem "dreimalgroß", das ihm als Gegensatz zur göttlichen Dreifaltigkeit zugeschrie­ben wird, und in der Bezeich­nung der Ab­solution nach der Beichte als Entgelt. Sollte es eine im Autor rumorende Wut sein, die ihn zu solchen Konfrontationen treibt, so wäre dies allenfalls eine kalte Wut, denn das Konsternieren des Lesers geschieht im Rahmen einer ausgeklügelten Schreibstrategie. Mit der Nennung des Wortes "Sünde" beginnend, führt der Autor seine Leser über eine Kette von bi­zarren Zuschreibungen wie auf einer Bergtour zum ersten Vorgipfel in Strophe sieben, baut dann durch weitere Metaphern unserer Schlechtigkeiten neue Spannung auf, bis wir völlig überrascht den Doppelgipfel erreichen, bestehend aus der Enthüllung des Ennui und der allgemeinen Heuchelei. Von diesem Doppelgipfel blicken wir zurück auf den Vorgipfel, den wir jetzt erst richtig wahrnehmen. Wir blicken in die Runde und sehen ein trostloses Land.

Von einer Vorrede zu einem Gedichtband erwarten wir, dass sie uns auf das Kommende einstimmt. Was wir mit Au Lecteur offensichtlich nicht bekommen, ist die Präsentation eines Vorhabens, also ein Programm. Stattdessen haben wir eine Art Fundament erhalten, auf dem das folgende lyrische Ge­bäude errichtet werden soll. Dieses Fundament ist geprägt durch eine Menschheit, die zu allem Schlechten fähig ist, eine christlich geprägte Moral, welche diese Menschheit nicht zuverlässig zügeln kann und über den "Ennui", der ein Resultat der Versagung ist, zu noch größerer Destruktivität führt.


Hinweis: Meine Übersetzung des Gedichts finden Sie hier.

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