Baudelaire: Le Cygne


Baudelaire: Der Schwan und andere Exilanten

von Frank Freimuth

Le Cygne (Der Schwan) ist ein Gedicht aus Baudelaires großem Opus Les Fleurs du Mal. Es ist der Ab­teilung Tableaux parisiens zugeordnet, die erstmals in die zweite Auflage von 1861 aufgenommen wurde. Obwohl bereits über eineinhalb Jahrhunderte alt, ist es noch von brennender Aktualität. Sei­ne Lektüre wird den Lesern allerdings nicht ganz leicht gemacht. Das liegt zum einen in den Bezü­gen auf die griechische Mythologie, zum ande­ren in der Gedankenführung, die mehrere Zeitspannen um­fasst, zwi­schen denen der Spre­cher ("der Poet", wie Baude­laire ihn in vielen Gedichten nennt) hin und her wechselt. Der Poet macht den Leser zum Zeugen bei der Ausformung seiner Gedanken und diese Ausfor­mung geschieht, bei ihm nicht anders als bei uns, nicht geradlinig, sondern mit Rück­sprün­gen und Schleifen.

Le Cygne

A Victor Hugo

I

Andromaque, je pense à vous! Ce petit fleuve,
Pauvre et triste miroir où jadis resplendit
L'immense majesté de vos douleurs de veuve,
Ce Simoïs menteur qui par vos pleurs grandit,

A fécondé soudain ma mémoire fertile,
Comme je traversais le nouveau Carrousel.
Le vieux Paris n'est plus (la forme d'une ville
Change plus vite, hélas! que le coeur d'un mortel);

Je ne vois qu'en esprit tout ce camp de baraques,
Ces tas de chapiteaux ébauchés et de fûts,
Les herbes, les gros blocs verdis par l'eau des flaques,
Et, brillant aux carreaux, le bric-à-brac confus.

Là s'étalait jadis une ménagerie;
Là je vis, un matin, à l'heure où sous les cieux
Froids et clairs le Travail s'éveille, où la voirie
Pousse un sombre ouragan dans l'air silencieux,

Un cygne qui s'était évadé de sa cage,
Et, de ses pieds palmés frottant le pavé sec,
Sur le sol raboteux traînait son blanc plumage.
Près d'un ruisseau sans eau la bête ouvrant le bec

Baignait nerveusement ses ailes dans la poudre,
Et disait, le coeur plein de son beau lac natal:
«Eau, quand donc pleuvras-tu? quand tonneras-tu, foudre?»
Je vois ce malheureux, mythe étrange et fatal,

Vers le ciel quelquefois, comme l'homme d'Ovide,
Vers le ciel ironique et cruellement bleu,
Sur son cou convulsif tendant sa tête avide
Comme s'il adressait des reproches à Dieu!

II

Paris change! mais rien dans ma mélancolie
N'a bougé! palais neufs, échafaudages, blocs,
Vieux faubourgs, tout pour moi devient allégorie
Et mes chers souvenirs sont plus lourds que des rocs.

Aussi devant ce Louvre une image m'opprime:
Je pense à mon grand cygne, avec ses gestes fous,
Comme les exilés, ridicule et sublime
Et rongé d'un désir sans trêve! et puis à vous,

Andromaque, des bras d'un grand époux tombée,
Vil bétail, sous la main du superbe Pyrrhus,
Auprès d'un tombeau vide en extase courbée
Veuve d'Hector, hélas! et femme d'Hélénus!

Je pense à la négresse, amaigrie et phtisique
Piétinant dans la boue, et cherchant, l'oeil hagard,
Les cocotiers absents de la superbe Afrique
Derrière la muraille immense du brouillard;

À quiconque a perdu ce qui ne se retrouve
Jamais, jamais! à ceux qui s'abreuvent de pleurs
Et tètent la Douleur comme une bonne louve!
Aux maigres orphelins séchant comme des fleurs!

Ainsi dans la forêt où mon esprit s'exile
Un vieux Souvenir sonne à plein souffle du cor!
Je pense aux matelots oubliés dans une île,
Aux captifs, aux vaincus!... à bien d'autres encor!


Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass der Schwan, wie andere bekannte Gedichte des Autors auch, zwar oft gelesen, aber selten verstanden werde. Angesichts der höchst unterschiedlichen Deu­tungen, die es aus der Literaturwissenschaft gibt, erstaunt diese Diagnose nicht. Die folgenden Ver­mutungen sind deshalb aus der Sicht eines unbedarften Lesers formuliert, der das Gedicht auf­merk­sam liest und sich bei Bedarf auch über die enthaltenen offenen Bezüge zu historischen Ereig­nissen infor­miert, der aber nicht nach versteckten Verweisen zu Ereignissen aus der Zeit Baudelaires forscht.

Die Überlegungen des Poeten sind in eine kleine Rede gekleidet, die er im Geist an Andro­mache richtet, in der griechischen Mythologie die Witwe des von Achill getöteten troja­ni­schen Helden Hektor. In Vergils Aeneis wird Andromache nach Hektors Tod und dem Fall von Troja zunächst Sklavin und Bettgenossin des Pyrrhus, der sie dann später an Helenus, den in Epirus im Exil lebenden Bruder Hektors weitergibt. Die von Heimweh und Sehnsucht nach dem toten Gatten erfüllte Andromache trauert dort an einem fiktiven Grab Hektors und an einem kleinen Fluß, dem Helenus den Namen Simois gegeben hat, den Namen eines Flusses in der Ebene des heimatlichen Troja.

Auf diese Gegebenheiten bezieht sich der Sprecher im ersten Teil des Gedichts. Er hat, so sagt er, sich daran erinnert, als er den neugestalteten Karussellplatz (Place du carrousel) überquerte. Auf diesem Platz ist nichts mehr wie früher, aber in seinem Gedächtnis ist noch alles präsent. Und so erinnert er sich an eine Menagerie, die sich einst dort befand, und wo, als er an einem frühen Morgen daran vor­beiging, ein Schwan aus seinem Käfig entwichen war. Das seltsame Gebaren des entwurzelten Schwans angesichts eines ausgetrockneten Bächleins in der öden Umgebung berührt den Poeten so sehr, dass er das Tier nach Regen und Donner rufen und wie "den Menschen Ovids" Blicke gegen den Himmel schicken lässt, die an gegen Gott gerichtete Vorwürfe denken lassen. Der Poet bezieht sich dabei auf eine Stelle in Ovids Metamorphosen, wo "der Vater der Dinge" den Menschen mit erhobe­nem Blick ausstattet und ihn lehrt, den Himmel zu betrachten und sein Antlitz zum Gestirn aufzu­he­ben. Die Beobachtung des Schwans am Bächlein ist es wohl, die den Poeten an das Schick­sal der An­dromache erinnert, die ebenfalls an einem Rinnsal trauerte.

Zwischen dem ersten Teil des Gedichts und dem zweiten Teil liegt eine gedankliche Pause. Der Poet ist auf seinem Weg durch das umgebaute Paris vor dem neugestalteten und erwei­terten Louvre an­gelangt. Aber die neuen Errungenschaften machen ihn nicht froh, sondern lösen nur wehmütige Erin­nerungen aus. Alles wird ihm, wie er sagt, zur Allegorie. Und so ruft die Größe des neuen Louvre die Erinnerung an den Schwan zurück. Dessen Größe kommt ihm zu Bewusstsein; lächerlich und erhaben zugleich ist er in seiner Ausgestoßenheit, in seinem Exil. Und auch das Los Andromaches kommt ihm auf dem Unweg über den Schwan wieder zu Bewusstsein. Er setzt das einseitige Gespräch mit ihr fort, imdem er vermerkt, wie tief sie aus den Armen des Helden Hektor in die des einfachen Helenus gefallen ist und dass sie niemals aufgehört hat, diesen Verlust zu betrauern.

In der drittletzten Strophe lösen sich die Gedanken des Poeten von Andromache und wan­dern weiter zu einer abgemagerten und schwindsüchtigen Schwarzen, die, mit verstörtem Blick durch den Pariser Schlamm stapfend, hinter dem Nebel nach den Kokospalmen ihrer verlore­nen afrikanischen Heimat suchte. In der darauf folgenden, vorletzten Strophe verallgemeinert der Poet mit eindrucksvollen Bil­dern den Kreis derer, auf die sich seine mitfühlenden Gedan­ken beziehen. Wie ein Sturzbach fällt die Aufzählung der Entwurzelten durch den Poeten nun auf den Leser herab. Er denke an jeden, der et­was verloren habe, das nicht wiederkehre, an jene, die ihren Durst aus Tränen stillen müssten, und (unter Anspielung auf die Sage von Re­mulus und Remus) an die, die am Schmerz wie an den Zitzen einer guten Wölfin saugten. In der letzten Strophe überrascht uns der Poet zunächst mit der Bemer­kung, dass sich sein Geist in den Wald exiliert habe. Und auch die nächste Bemer­kung überrascht. Dort im Wald, so sagt er, treffe ihn wie aus einem schallenden Horn eine weitere Erinnerung: Er den­ke an Matrosen, die man auf einer Insel vergessen habe, an Ge­fangene, an Besiegte und viele andere mehr.

Soweit zu der wuchernden Gedankenführung, die uns einen Katalog verschiedenster Exilan­ten be­schert. Einige von ihnen werden nur aufgezählt, andere direkt oder indirekt ausführlicher beschrie­ben. Es sind dies: der titelgebende Schwan, Andromache, die in der fulminanten Gedicht­eröff­nung Angesprochene, die schwarze Frau und der Poet selbst. Und dann sind da noch die Matrosen, die wie ein Fremdkörper aus der letzten Strophe herausragen. Was zeichnet diese Exilanten aus, was eint sie, was unterscheidet sie?

Andromache ist eine Kriegsvertriebene aus einer längst vergangen Zeit und, mit den anderen Fällen des Exils zusammen ein Beleg dafür, dass Vertreibung und Exil schon so alt sind wie die Menschheit selbst. Sie ist auch, in ihrer unbedingten und unwandelbaren Treue zu Hek­tor und ihrer immer­wäh­renden Trauer um ihn, ein Exempel dafür , dass sich Menschen nur beschränkt an geänderte Umstän­de anpassen können. Von einem Schwan hätte man eine solche Anpassung ohnehin nicht erwartet, denn Tiere gehorchen bekannterweise mehr ihren angeborenen Reflexen als der vernunftbegabtere Mensch. Allerdings ist der Schwan des Gedichts kein Schwan wie jeder andere. Der Poet hat ihn in seinen Gedanken vermenschlicht. Er lässt ihn seinen schönen heimatlichen See "im Herzen tragen", lässt ihn mit den Elementen der Natur sprechen und schließlich sogar menschengleich seine Klage himmelwärts richten. Der Schwan ist in der Vorstellung des Poeten zum Modell des im Exil lebenden Wesens mutiert. Dass dieses mythische Wesen verrückt anmutende Gesten voll­führt und lächerlich wirkt, das unterscheidet ihn nicht vom Menschen, schon gar nicht vom entwurzelten, wie der Poet explizit bemerkt. Auch Andromache ist närrisch, wenn sie vor einem Grab trauert, in dem niemand liegt. Und beide, Andromache wie der Schwan, sind er­haben in ihrer unbedingten Treue zu ihrem Ursprung. Sie können nicht durch Ersatz erlöst werden, der Schwan nicht durch die trügerische Frei­heit außerhalb seines Käfigs, An­dromache nicht durch die Gesellschaft des ungeliebten Helenus.

Bemerkenswert am Schwan ist, dass seine Vorwürfe sich gegen die Verweigerung des er­sehnten Regengusses richten und nicht gegen seine eigentliche Misere, seine Entfernung vom heimatlichen See, sein Exil. Konsequenterweise richtet er diese Vorwürfe gegen Gott und nicht gegen die Men­schen, die sein Exil verursacht haben. Der vermenschlichte Schwan unterliegt also einem Irrtum, einer Selbsttäuschung. Der Poet sieht dies offensicht­lich nicht im Widerspruch zur menschlichen Realität.

Über das Exil des Poeten gibt es im Gedicht nur eine direkte Aussage von ihm selbst. Er informiert uns in der letzten Strophe, dass sein Geist sich zum Exil in den Wald begeben habe. Indirekt erleuch­tet sich das Wesen seines geistigen Exils durch die Stationen seiner Gedankenreise, die er parallel zu seinem realen Gang durch Paris vollführt. Nicht nur die von ihm erwähnten Stationen sind wichtig, sondern auch die Art und Weise, wie er sie würdigt. Er genießt nicht die neuen baulichen Errungen­schaf­ten, sondern findet über sie zu "lieben" und "schweren" Erinnerungen an Dinge, die das neue Stre­ben nach dem Schönen getilgt hat oder ins Hintertreffen geraten ließ. Es scheint nicht die Stadt an sich zu sein, die den Poeten befremdet, sondern die Art, wie sie sich verändert.

Nun aber zum Wald! Weshalb ist es gerade der Wald, wohin sich der Geist des Poeten flüch­tet? Es ist wahrscheinlich, dass auch dies mit dem Unbehagen des Poeten am Gehabe seiner urbanen Umwelt zu tun hat. Wie man an mehreren Stellen des Gedichts, besonders aber am Anfang des zweiten Teils erfährt, stemmt sich sein Geist dagegen, die Blüten eines Städtebaus anzunehmen, welche vor­wie­gend der Demonstration der Größe dienen und die Armen und Entwurzelten aus ihren Domizilen ver­treiben. Dass die Aversion gegen die Neue­rungen gerade am neu gestalteten Louvre hochkommt, ist genauso wenig ein Zufall wie die unmittelbar darauf folgende Bezeichnung des Schwans als "groß". Nicht der Louvre ist in den Augen des Poeten wirklich groß, sondern der Schwan in seiner Er­haben­heit, die er trotz sei­ner Misere bewahrt. Das Exil in den Wald steht nicht nur für eine Flucht aus dem künstlich Aufgebauten in das Natürliche, sondern auch für eine Flucht in die bessere Vergangen­heit. Dort, wo der Louvre steht, soll ehemals ein Wald gestanden haben, sagt uns ein Blick in alte Le­xika. Sich in diesen Wald zu wünschen, ist für den Poeten also dasselbe wie sich den Louvre weg zu wün­schen, und mit ihm auch die menschenfeindliche Attitude, die er repräsentiert. Interes­sant ist in die­sem Zusammenhang auch, dass in jenem Wald Wölfe gehaust haben sollen, und dass zur Zeit Baude­laires der Name des Louvre auf diesen Umstand zurückgeführt wurde. Dies gibt der Formulie­rung "et tettent la Douleur comme une bonne louve" in der vorletzten Strophe einen besonderen Sinn. Die gute Wölfin war ehemals die Rettung von Romulus und Remus. Die Bedürftigen von heute können nur am Schmerz saugen.

Indem der Poet seinen geistigen Rückzug in den Katalog der Exile aufnimmt, hat er seinen Exilbegriff entscheidend auf all jene erweitert, die sich in der Gesellschaft, in der sie leben, fremd fühlen und sich in sich selbst zurückziehen. Wir müssen daraus nicht unbedingt schließen, dass er sein nur geisti­ges Exil dem Exil der Andromache gleichstellt. Er will vielleicht nur ein Zeichen setzen, dass das Fremdsein seelische Not bereitet, gleichgültig, welche Form es annimmt. Überhaupt kann man die umfang­reiche Aufzählung der Exil­fälle nicht nur als Hinweis auf ihre Verwandtschaft, sondern auch auf ihre Verschiedenheit sehen. Gemeinsam ist allen diesen Fällen die Entwurzelung und der daraus resultierende Schmerz.

Es bleibt zu klären, was es mit den Matrosen auf sich hat, de­ren Ge­schick dem Poeten im Wald mit schallendem Horn in Erinnerung gebracht wird. In einer umfang­rei­chen Studie über die Fleurs wurde die Vermutung geäußert, dass der Dichter mit dieser seltsam an­mutenden Aussage den entwurzelten Poeten dieselbe Verwirrtheit zu­gestehen wollte wie vorher dem Schwan. Wem dies zu weit hergeholt erscheint, präsentiert sich noch eine andere Möglichkeit: Es könnte sein, dass Victor Hugo ge­meint ist, dem Baudelaire das Gedicht gewidmet hat und der sich zu dieser Zeit auf der Insel Guernsey im Exil befand. Den großen Dichter als Matrosen zu bezeichnen, das hätte aller­dings schon etwas Despektierliches!


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