Gedichte von Edna St. Vincent Millay


Edna St. Vincent Millay, geb. 1892 in Rockland, Maine, USA, gest. 1950 in Austerlitz, New York, war eine glänzende Sonettdichterin und eine schillernde Persönlichkeit. Sie lebte freizügig und unabhängig wie nur wenige Frauen ihrer Zeit. Insbesondere beanspruchte sie ihr Recht auf Sexualität auch ohne Liebe, ein Motiv, das sich in nicht wenigen ihrer Gedichte wiederfindet.


First Fig

My candle burns at both ends;
It will not last the night;
But ah, my foes, and oh, my friends-
It gives a lovely light!

Edna St. Vincent Millay


Erste Feige

Mein Licht, es brennt an beiden Enden;
Die Flamme, sie verzehrt mich schnell,
Doch sag' ich Freunden und auch Feinden:
Der Kerze Schein ist herrlich hell.

Edna St. Vincent Millay, Übersetzung Frank Freimuth


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Second Fig

Safe upon the solid rock the ugly houses stand:
Come and see my shining palace built upon the sand!

Edna St. Vincent Millay


Zweite Feige

Diese Häuser, furchtbar hässlich, auf festem Fels mit sicherem Stand!
Komm mit und sieh Paläste funkeln, die ich gebaut auf losem Sand!

Edna St. Vincent Millay, Übersetzung Frank Freimuth


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Love is not all

Love is not all: it is not meat nor drink
Nor slumber nor a roof against the rain;
Nor yet a floating spar to men that sink
And rise and sink and rise and sink again;
Love can not fill the thickened lung with breath,
Nor clean the blood, nor set the fractured bone;
Yet many a man is making friends with death
Even as I speak, for lack of love alone.
It well may be that in a difficult hour,
Pinned down by pain and moaning for release,
Or nagged by want past resolution's power,
I might be driven to sell your love for peace,
Or trade the memory of this night for food.
It well may be. I do not think I would.

Edna St. Vincent Millay


Liebe ist nicht alles

Nicht alles ist die Liebe, sie ist nicht Fleisch, nicht Trinken
kein Schlummern und kein Schutz vor Regen,
und auch kein treibend Brett dem Mann im Sinken,
der sinkt und steigt und wieder sinkt, dem Grund entgegen;
Sie kann verdickten Lungen nicht den Atem bringen,
das Blut nicht säubern, auch nicht flicken das Gebein,
doch mancher Mann will mit dem Tode ringen,
in diesem Augenblick, allein aus liebeslosem Sein.
Es könnte sein, dass ich in schlimmer Zeit,
von Schmerz erfüllt und hoffend nur auf Friede,
notleidend, und mit nichts, was mich befreit,
versucht sein könnte, zu tauschen dein Liebe
und die Erinnerung an diese Nacht für ein Gericht.
Es könnte sein. Doch glaube ich, ich tät es nicht.

Edna St. Vincent Millay, Übersetzung Frank Freimuth


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I, being born a woman

I, being born a woman and distressed
By all the needs and notions of my kind,
Am urged by your propinquity to find
Your person fair, and feel a certain zest
To bear your body's weight upon my breast:
So subtly is the fume of life designed,
To clarify the pulse and cloud the mind,
And leave me once again undone, possessed.
Think not for this, however, the poor treason
Of my stout blood against my staggering brain,
I shall remember you with love, or season
My scorn with pity, -let me make it plain:
I find this frenzy insufficient reason,

For conversation when we meet again.

Edna St. Vincent Millay


Als Frau geboren

Wie jede Frau bin ich geplagt von Wünschen,
die eine Frau so hat, doch komm ich nicht umhin,
dass ich von deiner Schönheit Kenntnis nehme,
und auch erfasst bin von gewisser Lust
aus deines Körpers Last auf meiner Brust.
So fein gestaltet ist der Dunst des Lebens,
dass er von neuem mir den Geist vernebelt
und ich besessen und für alles offen bin.
Doch glaube nicht, dass dieser elende Verrat,
den dickes Blut am schwachen Geist beging,
mich dich erinnern macht in Milde oder Liebe.
Für Unterhaltung gibt es, das tue ich dir kund,
bei einem Wiedersehen wirklich keinen Grund.

Edna St. Vincent Millay, Nachdichtung Frank Freimuth


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Bluebeard

This door you might not open, and you did;
So enter now, and see for what slight thing
You are betrayed.... Here is no treasure hid
No cauldron, no clear crystal mirroring
The sought-for truth, no heads of women slain
For greed like yours, no writhings of distress,
But only what you see.... Look yet again:
An empty room, cobwebbed and comfortless.
Yet this alone out of my life I kept
Unto myself, lest any know me quite;
And you did so profane me when you crept
Unto the threshold of this room to-night
That I must never more behold your face.
This now is yours. I seek another place.

Edna St. Vincent Millay


Blaubart

Nicht öffnen solltest du und doch hast du's getan;
so tritt nun ein und sieh, hier ist kein Schatz verborgen,
es ist nicht viel, was dich belohnt für deinen Wahn,
kein Kessel und kein wahrheitsspiegelnder Kristall,
nicht Frauen, abgemurkst aus Gier von deinesgleichen
und niemand, der sich krümmt aus lauter Pein,
nur was du siehst ... Schau dich nur um:
Ein leerer, spinnbewebter Raum, trostloser kann's nicht sein.
Und doch hab ich nur dies aus meinem Leben
verschwiegen, um mich nicht völlig wegzugeben.
Als du dich einschlichst nachts auf leisen Sohlen
hast du an Würde mir so viel gestohlen,
dass mir nicht möglich ist, dich weiter noch zu sehen.
Der Raum gehört nun dir. Ich werde gehen.

Edna St. Vincent Millay, Nachdichtung Frank Freimuth