Ein Reim auf Lisa


Ein Gedichtzyklus von Frank Freimuth

Für Madeleine Bourdouxhe (1906 - 1996)
© Frank Freimuth


Elisa und Gilles sind die Hauptpersonen des Romans Gilles' Frau (La femme de Gilles) von Madeleine Bourdouxhe. Die beiden sind glücklich verheiratet und leben in einem kleinen Haus mit Garten am Rande einer Industriestadt, wo Gilles in der Fabrik arbeitet. Elisa, die ihren Mann über alles liebt, sorgt als Hausfrau für die Zwillingstöchter. Sie ist mit einem dritten Kind schwanger. Der Kreis der weiteren Personen ist begrenzt: Victorine, die jüngere Schwester Elisas, arbeitet als Verkäuferin und lebt noch bei der Mutter. Marthe, die Nachbarin, kümmert sich manchmal um die Zwillinge, wenn Elisa und Gilles eine Verpflichtung haben.

Die anfängliche Idylle wird gestört, als Victorine Gilles verführt und ein Verhältnis mit ihm eingeht. Elisa merkt schnell, dass etwas nicht stimmt. Sie zögert jedoch, die beiden zur Rede zu stellen, weil sie Gilles' Begehren für Liebe hält und Angst hat, ihn zu verlieren. Sie schläft weiterhin mit ihm, meint aber, in seinem Verhalten nunmehr Züge der Grausamkeit und der Rachsucht feststellen zu können.

Elisa gebiert einen Sohn, der nach seinem Vater benannt wird. Gilles ist mittlerweile völlig in seiner Leidenschaft zu Victorine gefangen. Diese entpuppt sich immer mehr als flatterhaftes Geschöpf, das mit den Männern spielt. Gilles gerät außer sich, wenn sie sich mit anderen Männern abgibt, und das Bild des starken, ausgeglichenen Mannes beginnt zu bröckeln. Er ist launisch geworden und nur dann freundlich zu Elisa und den Zwillingen, wenn er gerade wieder die Gunst Victorines gewonnen hat. Elisa, die erwogen hatte, Victorine ins Gewissen zu reden, verzichtet darauf, als sie merkt, dass die kleine Schwester völlig unbeeindruckt von dem Unheil ist, das sie anrichtet.

Als die Zersetzung von Gilles' Persönlichkeit weiter fortschreitet, schlüpft Elisa in eine Art Mutterrolle, in der sie ihn tröstet und sogar berät, wie er sich gegenüber Victorine verhalten soll. Gilles nimmt diesen Liebesdienst an, nicht merkend, was er Elisa damit zumutet. In der Beziehung zwischen Gilles und Victorine kommt es schließlich zum Eklat, als Victorine ihm eröffnet, dass sie den örtlichen Zigarrenhändler heiraten wird. Gilles gerät außer Rand und Band und schlägt Victorine; die Affäre ist damit beendet. Gilles gelingt die Loslösung von seiner Leiden­schaft nur zum Preis einer völligen Abstumpfung. Elisa ist desillusioniert von Gilles Verwandlung, ausgezehrt von ihren Liebesdiensten und der damit verbundenen Selbstverleugnung und ohne Hoffnung auf eine Wendung zum Guten. Sie fühlt sich ihrer Liebe beraubt und nimmt sich das Leben.


Prolog

Wie konnte dieses kaum bemerkte Beben,
mit ringsumher nur wenig Schaden,
das kleine, rote Ziegelhaus zum Einsturz bringen
und jene, die es baute, unter sich begraben?

Das Häuschen, wird man später sagen,
entstand auf unberechenbarem Land,
doch keiner hatte dessen Festigkeit bezweifelt,
auch die nicht, die man darin fand.

Erst hinterher, wenn das verflogen ist,
was zu Beginn so sicher schien,
und Mensch und Werke sich entpuppen,
befreit das Auge sich von dicken Schuppen,
verlieren Wolkenschlösser ihren Sinn.



Puppenspiel

Im Spiel ist sie der Wirklichkeit entrückt,
kann sie die Welt auf ihre Weise lesen;
wer weiß denn schon, worauf sie blickt:
ist es das Jetzt, steht es bevor, ist es gewesen?

Den Pfarrer gibt es und auch Victorine,
sie bringt der Mutter täglich Suppe,
die Zwillinge, nur Übermut im Sinn,
Elisa selbst, und Gilles, die Lieblingspuppe.

Damit die Kinder endlich kommen konnten,
war Liebe nötig zwischen ihr und Gilles;
im Spiel sind dies ganz lange, sanfte Küsse,
besonders lang, wenn man ein Pärchen will.

Wie schön das Leben ist als Puppenspiel,
sie möchte ewig in dem Traum verbleiben,
und wenn kein Mensch sie darin stören will,
wird Wirklichkeit sie nicht vertreiben.



An Lisa

Wie mag er was du schenkst benennen,
ist ihm Erfüllung, was du gibst?
Du spähst und lauschst nach seinem Wollen
und glaubst, es wäre wie du liebst.

Du hüllst ihn ein in diese Liebe,
du pflegst ihn, wie du Blumen pflegst,
dass nicht ein Mangelschaden bliebe;
er ist dein Garten, den du hegst.

Du gibst und gibst und es ist nicht genug,
dein Geben ist nicht, was er sucht,
Selbstlosigkeit scheint ihm Betrug,
ihm ist nach Fallen in die Schlucht.

Das, was ihm fehlt, kann dir nicht nennen,
wer sich sein Sehnen selbst verbirgt,
und lernt man sich erst einmal kennen,
hat man das Glück vielleicht verwirkt.



Das Glück der Berge

Er geht voraus, wenn sie den Berg ersteigen,
er hat den Weg gewählt - geht vor ihr her.
Wenn sie erst oben sind, wird sie den Sieg bezeugen,
schreibt ihn ins Gipfelbuch, sich hinterher.

Doch meistens ist der Weg zu schwer
und selbst mit Mühen kommt sie nicht hinauf;
dann lächelt sie und gibt zufrieden auf,
ist froh mit ihm und ihrem Hinterher.

Kannst du dir, Lisa, andere Wege denken:
ganz nah am Abgrund, kühn gewunden,
du selbst von Tiefe wie betrunken?
Kannst du die Schritte dorthin lenken?

An steilen Schluchten wirst du Fäuste ballen,
dein Herz im Schwindel klopfen spüren,
dein Weg wird nicht mehr sicher sein,
doch dich vielleicht zum Gipfel führen.



Das Spiel der Katze

Nicht Nahrung will sie, ihr ist nur nach Spiel,
wenn sie sich eine Beute gönnt,
ein schönes, männlich-starkes Tier,
und ihre Klauen im weichen Samt der Haut versenkt.

Sie tötet nicht, nicht gleich, das wäre Langeweile,
sie packt, lässt los, packt wieder fest,
genießt das Lebenwollen des gequälten Wesens,
bevor die sterbenskranke Hoffnung es verlässt.

Doch wenn die Beute sich, gebannt von Stärke,
betäubt vom Wollen dieser schönen Macht,
ihr ohne Widerstand und sehnsuchtsvoll ergibt,
verliert die Lust am Quälen ihre Pracht.

Das Raubtier gibt die willenlose Beute frei,
erzwingt Erholung, verweigert den ersehnten Tod,
erst ganz zum Schluss, voll von Verachtung,
färbt es mit einem Schlag die Erde rot.



Begehren

Denkt er an sie? Kann man dies Denken nennen:
die spitze Zunge, streichend über Erdbeerlippen,
die braunen Augen, die schon alles kennen,
die kleinen Brüste, die im Takte wippen?

Für sein Empfinden weiß er keinen Namen,
denn Liebe wurde ihm vor langer Zeit gegeben
und nur in ihr verspritzt man seinen Samen.
Wie kann man lieblos solche Lust erleben?

Franziskus kann als Vorbild nicht genügen,
kein Dornbusch soll die Sucht vernichten;
Muss er auch lügen und betrügen -
er kann aufs Wollen nicht verzichten.

Und sie, die ihm für immer zugesprochen ist,
die ihm ein Kind gebiert mit seinem Namen,
und die ihn noch in Liebesgrößen misst,
weiß nun, dass ihr zwei Kinder kamen.



Nur ein Wort

Weil sie ihn mehr liebt als sich selbst,
gibt sie dem Liebsten ihre Brust,
ist ihr Verlangen nichts als seins zu stillen,
ist ihre Lust nur Lust an seiner Lust.

Sie würde niemand anderem gewähren,
was sie dem Liebsten selbstlos gibt,
und weil sie selbst nie liebeslose Lust erlebte,
gäb's Lust nur, glaubt sie, wenn man liebt.

Was ihn verschlingt, die turmeshohe Woge,
kann dies dann anderes als die Liebe sein?
Und kann für sie noch etwas übrig bleiben?
Oh, Lisa, deine Welt war schön und klein!

Die Liebe, weiß man, ist oft nur ein Wort,
weiß auch, dass eine Woge schnell verrinnt
und dass im Grund oft neuer Wuchs beginnt.
Doch Lisas Liebe ist nicht nur ein Wort.



Wer bist du, Gilles?

Und immer wieder stößt er zu, stößt seine Wut
und seinen Frust in weiches, duldungsvolles Fleisch,
nimmt, was die Liebe bot, als Quell der Rache,
verkehrt Barmherzigkeit in simples Substitut.

In seine Stöße legt er die Vergeltung
für ihr Verharren zwischen ihm und seiner Lust,
für ihre unbeugsame, liebevolle Treue,
für ihr Vergeben, Mitleid und für ihren Trost.

Die Augen starr, ein krankhaft schiefes Lächeln,
nicht eine Spur von Wärme im Gesicht;
sie sieht den einstmals schönen Mund verzogen,
und hört, was er nicht äußert, aber spricht.

Das einst gemalte Bild ist im Verbleichen,
die neuen Farben sind noch nicht bereit.
Er ist jetzt Knecht im Haus der Triebe,
dort gilt sie nichts, die alte Zeit.



Ihr habt ihn ausgezogen

Zuerst hast du ihm, freche Victorine,
die bunte Narrenkappe angezogen,
die seinem Auftritt jede Würde nahm,
hast ihn um seinen Part betrogen.

Du nahmst den Mantel der Zufriedenheit,
entferntest dann den Gurt der Selbstbeherrschung,
stahlst seine dicke Jacke Ehrlichkeit
und dann den Schuh der Zuversicht und Hoffnung.

Und du, Elisa, halfst ihm aus jener Hülle,
die er in eurer kleinen Welt besaß,
und deine Güte in der ganzen Fülle
vermochte nicht, dass er von sich genas.

Den Mensch an sich, den gibt es nicht,
er wird und wird mit unseren Gedanken,
wie er sich denkt, formt das, was er uns spricht
und jeder Blick lässt Flor um Seelen ranken.



Monströses Fressen

Er schleicht im Kleid der Schwäche an den Tisch,
sie selbst gibt ihm zum Fressen das Gerät:
ein Glas aus Mitleid, der Löffel ist aus Angst,
das Tischtuch ist mit Liebesmüh genäht.

Ein kleiner Imbiss soll es sein,
die Stärkung nur auf seinem Weg zum Fest,
wo er dann lustvoll schlemmen möchte
beim Mahl, das ihn erbeben lässt.

Was er jetzt frisst, kommt ihr von Herzen,
ist hart entbehrt und abgespart;
sie gibt ihm unter starken Schmerzen,
damit er durchhält, auf der Fahrt.

Er frisst und frisst, das Fest vor Augen,
er frisst von dem, was in ihr ist,
er nimmt vom noch vorhandenen Glauben
bis er sein eigenes Bildnis frisst.



Wo ist meine Liebe?

Wo ist die Liebe, wo ist meine Liebe?
Sie war die Welt und ich war nichts als sie;
wenn mir doch nur ein kleiner Funken bliebe,
ich bin ein Nichts, ein Nirgends und ein Nie.

Die Hände, eingetaucht in kaltes Wasser,
sie wringen blaues, schlappes Tuch;
im Weidenkorb türmt sich die nasse Wäsche,
mein Leben - fertig wie ein schmales Buch.

Ich kenne dich, Elisa, nicht mehr wieder,
wer bist du, bist du die Frau von Gilles?
Der Name hallt wie schale, alte Lieder -
ich weiß von nichts, das ich noch will.

Ich höre endlos meine Kleinen plärren,
ich hör sein Klagelied im immer gleichen Ton,
ich spüre Hände, die nach unten zerren,
ich spüre Freiheit, doch was ist das schon!



Das Riesenrad

Die Mädchen an der Hand, zu beiden Seiten,
sind voller Staunen über dieses große Rad,
das die berauschten Lasten in den Himmel hebt
und doch zu Boden bringt mit jedem Grad.

Dass es dem Wind trotzt, weckt Verblüffung,
und auch, dass es so lautlos geht,
doch sie beruhigt ihre Kinder,
sagt, dass es auf starken Masten steht.

"Sag, Martha, kann das Rad sich halten,
auch wenn die Flut kommt oder ein Orkan?
Und was, wenn noch die Erde bebt
und Lava fließt aus dem Vulkan?"

"So stark ist Erdenkram nun nicht",
sagt sie und wischt die Träne vom Gesicht,
"dass nicht ein Unheil kommen könnte,
das ihm so zusetzt, dass er bricht".



Narziss im Spiegel

So schön wie hier war sie noch nie,
wo langes Goldhaar, spiegelbreit,
an Edelsteinen und Kirschen vorbei
hinunter fällt zum hellen Sommerkleid,

hinunter bis zum Ansatz jener Brüste,
die sich wölben in trügenden Ringen
und, wie Frösche in die Tümpel der Wüste,
in durstige Augen von Männern springen.

Ihr schon ergrauter Gatte drängt ins Bild
und mahnt, Zeit sei es, loszugehen
zum jenem Stückchen, wo sie weiß,
er ist mit Hörnern drin zu sehen.

Er ist kaum weg und schon vergessen
und kurz kommt Lisas Geist ihr nah;
auch die war so von Form besessen
und selbst dran schuld, was ihr geschah.


© Frank Freimuth