Kurzgedichte

Kurze Gedichte, ich meine damit solche mit nicht mehr als vier Zeilen, sind für den Dichter eine besondere Herausforderung. Der Leser überschaut das Gedicht mit einem Blick und innerhalb einer Sekunde ist entschieden, ob er sich abwendet oder weiter darüber nachdenkt. Der Autor muss die Aufmerksamkeit gewinnen, muss aber auch Tiefe bieten, damit er die Konzentration des Lesers nicht sofort wieder verliert.

Im deutschen Sprachraum spielten Kurzgedichte lange Zeit keine große Rolle. Auch heute sind sie eher ungewöhnlich, sieht man von Aphorismen ab, die aber mehr eine ultrakurze Form der Prosa sind als ein Gedicht. Am geläufigsten ist bei uns ausgerechnet eine japanische Form des Kurzgedichts: das Haiku.

Das Haiku hat eine vorgegebene Form. Es besteht im japanischen Original aus drei Wortgruppen mit 5, 7 und 5 Silben. Reime oder Metren sind nicht vorgesehen. Ursprünglich war das Haiku-Dichten ein Gesellschaftsspiel. Eine Person gab ein Haiku vor, eine zweite fügte ein dazu passendes an, und so ging das dann weiter, bis alle davon genug hatten. Spricht man heute vom Haiku, so meint man nur noch den ersten dieser Strophen. Was das heutige und das ursprüngliche Haiku aber gemeinsam haben, ist die Offenheit. Heute wie damals wird ein Haiku so formuliert, dass es etwas Unfertiges darstellt, etwas, das geradezu nach Fortsetzung schreit. Im Unterschied zu früher erfolgt die Fortsetzung aber nicht durch weitere Personen, sondern jeder Leser oder Hörer vollzieht sie in seinem eigenen Kopf.

Das japanische Haiku ist stets konkret in seiner Aussage und stets auf die Gegenwart bezogen. Meist enthält es Naturbeobachtungen, wie das folgende des Altmeisters Matsuo Basho (1644 - 1694):

Der alte Teich
Ein Frosch springt hinein
Vom Wasser ein Geräusch

Viele westliche Dichter haben sich mittlerweile im Haiku-Dichten versucht, darunter auch Rilke, der es immerhin auf drei überlieferte Haikus brachte. Ein Meister des Haiku ist der französische Dichter Antoine Volodine, der unter dem Pseudonym Lutz Bassmann den Band Haïkus de prison veröffentlichte. Hier eine Kostprobe:

L'organisation s'est constituée
on attend que les chefs surgissent
pour les haïr

L'odeur d'oignon
chevauche l'odeur d'urine
bientôt la soupe de soir

La nuit sans douceur
se glisse par la fenêtre
balafrée de stries verticales


Dem Haiku möchte ich nun eine westliche Form des Kurzgedichts gegenüberstellen, den Vierzeiler mit Reim und Metrum. Verglichen mit dem Haiku ist er selten. Man findet ihn z.B. bei den fiktiven Grabinschriften des amerikanischen Dichters Countee Cullen (1903 - 1946):

For a Fool
On earth the wise man makes the rules,
And is the fool's adviser,
But here the wise are as the fools,
(And no man is the wiser).

Ein Vierzeiler wie dieser hat eine ganz andere Intention als ein Haiku. Hier geht es darum, einen bestimmten Gedanken vollständig auf wenig Raum auszudrücken. Anstelle der Offenheit, die das Haiku auszeichnet, sehen wir hier vollständige Abgeschlossenheit. Die Geschlossenheit des Vierzeilers wird durch die verwendete Form unterstrichen. Endreime leimen die Satzteile zusammen, und der abschließende Punkt manifestiert einen offiziellen Abschluss des Gedankens.

Diese Form ist gut geeignet, Ironie und Skurriles auszudrücken. Das obige Gedicht ist ein Beispiel für einen ironischen Gehalt, die beiden folgenden, von mir, für einen skurrilen:

Schlechter Wein
Einst waren wir bei schlechtem Weine
innig vereint in großem Glück.
Trink ich heute solche Weine,
kehrt das Glück mir prompt zurück.

Der Mops
Ganz brav an ihrer Seite
ging stets der kleine Mops;
den hielt sie an der Leine
aus Angst, er ginge hops.