Claude McKay: The Easter Flower

Claude McKay (1889 - 1948), ein Zeitgenosse von Langston Hughes und ebenfalls farbig, opponierte wie dieser in seinen Werken gegen die Ausgrenzung und Diskriminierung durch die Weißen. McKay wurde auf Jamaica geboren und war dort bereits als Dichter bekannt, bevor er 1912 in die USA übersiedelte. Er wollte dort zunächst Agrarwissenschaften studieren, geriet aber immer mehr in den Sog der Poesie, so dass er nach zwei Jahren sein Studium abbrach und sich ganz dem Schreiben widmete. Neben Gedichten verfasste er drei Romane und einen Band mit Kurzgeschichten. Seinen Lebensunterhalt verdiente er mit zeitweiligen Beschäftigungen. Er verließ zeitweilig die USA und lebte einige Jahre in England und in der Sowjetunion, weil er sich von der Idee des Kommunismus angezogen fühlte. Enttäuscht von der kommunistischen Wirklichkeit kehrte er schließlich in die USA zurück. McKay, der der dem Christentum lange Zeit kritisch gegenüberstand und es als ein Instrument der Unterdrückung durch die Weißen betrachtete, näherte sich in seinen letzten Lebensjahren der Kirche und nahm, nach langem Überlegen, schließlich sogar den christlichen Glauben an. Nachdem er in der katholischen Gemeinde von Harlem praktische Nächstenliebe und medizinische Betreuung erfahren hatte, war er zu der Überzeugung gelangt, dort eine spirituelle Heimat gefunden zu haben.

Das folgende Gedicht "The Easter Flower" ist das erste in seinem 1922 erschienen poetischen Hauptwerk "Harlem Shadows". Es ist ein Gedicht, das sich nicht beim ersten flüchtigen Lesen erschließt. Eine zentrale Rolle spielt darin eine Blume, die Osterlilie, welche von den Christen als Symbol der Auferstehung Christi verehrt wird. Auch der Sprecher des Gedichts huldigt dieser Blume, allerdings aus einem anderen Grund, den er nicht explizit erwähnt.

The Easter Flower

Far from this foreign Easter damp and chilly
My soul steals to a pear-shaped plot of ground,
Where gleamed the lilac-tinted Easter lily
Soft-scented in the air for yards around;

Alone, without a hint of guardian leaf!
Just like a fragile bell of silver rime,
It burst the tomb for freedom sweet and brief
In the young pregnant year at Eastertime;

And many thought it was a sacred sign,
And some called it the resurrection flower;
And I, a pagan, worshiped at its shrine,
Yielding my heart unto its perfumed power.

In der ersten Strophe erzählt der Sprecher, dass es ihn an den Ort ziehe, wo die lila schimmernde und weithin duftende Osterblume gedeiht. Er nennt diesen Ort nicht beim Namen, sondern beschreibt ihn nur anhand der Form und klärt uns indirekt darüber auf, dass es dort nicht feucht und kalt ist.

In der zweiten Strophe ergänzt der Sprecher seine Schilderung der Lilienblüte. In dem bewussten Land könne die fragile Blume ohne schützendes Blattwerk existieren. Zur Osterzeit breche sie durch die Erde und erlebe ein kurzes, süßes Leben. Letzteres kleidet er in die Metapher vom Aufbrechen des Grabs. Dies ist, wie wir gleich sehen werden, eine Überleitung zur dritten und letzten Strophe.

In der letzten Strophe geht der Sprecher dann auf die Bedeutung ein, welche die Blume für die Christen hat. Sie sei für sie Symbol der Heiligkeit und der Auferstehung Christi. Aus der zweiten Strophe wissen wir noch, weshalb dies so ist: die Blume bricht um die Osterzeit aus ihrem "Grab". In den letzten beiden Zeilen der dritten Strophe bekennt der Sprecher dann, dass auch er der Blume huldigt. Weshalb tut er das, wo er doch selbst erklärt, ein Heide zu sein?

Wir können annehmen, dass die Gründe für diese Huldigung in denselben Lebensumständen der Pflanze liegen, die auch der Verehrung durch die Christen zugrunde liegt. Während aber das Aufbrechen der Erde und das freie, süße und unbedrohte Leben der Blume für die Christen eine Metapher für die Auferstehung Christi ist, ist es für den Sprecher, den Heiden, eine Metapher für ein freies und unbedrohtes Leben seiner schwarzen Schwestern und Brüder. Ein Leben, das aber offensichtlich nicht dort möglich ist, wo die Umgebung "feucht und kalt" ist.