Paul Valéry

© Frank Freimuth für die Übersetzung


Paul Valéry (1871-1945) stand in jungen Jahren stark unter dem Einfluss Mallarmés und der Symbolisten. Wie Mallarmé schrieb er wohlklingende Gedichte ohne Sentimentalität und ohne Bezug zum realen Weltgeschehen. Im Vergleich zu Mallarmés Spätwerk sind die Gedichte Valérys allerdings zugänglicher. In Les pas (Die Schritte) wird der Wohlklang auf die Spitze getrieben.

Les pas

Tes pas, enfants de mon silence,
Saintement, lentement placés,
Vers le lit de ma vigilance
Procèdent muets et glacés.

Personne pure, ombre divine,
Qu'ils sont doux, tes pas retenus !
Dieux !... tous les dons que je devine
Viennent à moi sur ces pieds nus !

Si, de tes lèvres avancées,
Tu prépares pour l'apaiser,
À l'habitant de mes pensées
La nourriture d'un baiser,

Ne hâte pas cet acte tendre,
Douceur d'être et de n'être pas,
Car j'ai vécu de vous attendre,
Et mon cœur n'était que vos pas.

Die Schritte

Dein Schritt, Kind meiner Schweigsamkeit,
naht eisig mit gedämpftem Klang
dem Lager meiner Wachsamkeit
in langsamem, heiligem Gang.

Du göttlicher Schatten, du reines Wesen,
wie sanft er ist, der Schritt, der zagt,
die Fülle der Gaben, von mir gelesen,
du trägst sie zu mir, die Füße nackt.

Wenn du dich mit gespitzten Lippen
daran machst, jenen zu befrieden,
dem die Gedanken Wohnung bieten,
lässt ihn an deinem Munde nippen,

Nimm nicht zu schnell das zarte Schweben,
als Sein mit Nichtsein um mich stritt;
denn dich zu erwarten, das war mein Leben,
und mein Herz war nichts als dein Schritt.

Übersetzung: Frank Freimuth