Über die Rätselhaftigkeit und die Unverständlichkeit von Gedichten 2


2 Die Sprachmittel der Rätselhaftigkeit und der Unverständlichkeit im Überblick

Manche dieser Sprachmittel betreffen nur jeweils eine der beiden Formen, manche betreffen beide. In einem Gedicht können die Formen alleine oder in Kombination auftreten. Wir beginnen mit Mitteln, welche nur die Rätselhaftigkeit zur Folge haben.

Die Abstraktion (Verallgemeinerung)

Der Autor hebt einen zu schildernden Sachverhalt auf eine höhere Ebene. Er ersetzt also konkrete Schilderungen durch allgemeinere. Dem Leser gehen dadurch Informationen verloren. Er kann zwar selbst für die allgemeine Schilderung eine konkrete einsetzen, sich dabei aber nicht sicher sein, ob dies die vom Autor ursprünglich gedachte war. Gewöhnlich gibt es für eine allgemeine Schilderung nicht nur eine einzige konkrete, die damit harmoniert. Das Gedicht ist in diesem Falle mehrdeutig. Diejenige Deutung, die der Leser findet, entspricht seinem persönlichen Verständnis des Gedichts.

Der Gebrauch von Allegorien (allegorische Dichtung)

Die Allegorie ist ein Sachverhalt, der einen anderen vertritt, mit dem er in bestimmter Hinsicht wesens­gleich ist. Der Leser ist gefordert, diesen zweiten Sachverhalt herauszufinden. Gelingt ihm dies nicht oder merkt er gar nicht, dass es einen solchen Sachverhalt hinter dem ersten gibt, dann hat er das Gedicht nicht in seiner ganzen Tiefe verstanden.
Wenn der dahinter stehende Sachverhalt allgemeiner ist als der geschilderte, dann ist die Allegorie das Gegenteil einer Abstraktion, also eine Konkretisierung. Eine Abstraktion wird aber dem Leser abverlangt, wenn er vom geschilderten auf den dahinter stehenden, allgemeiner formulierten Sachverhalt schließen soll.
Zur Rätselhaftigkeit allegorischer Dichtung trägt bei, dass der Leser oft mangels Hinweisen nicht sicher sein kann, ob der Autor den dargestellten Sachverhalt überhaupt als Allegorie betrachtet. Kann der Leser mehr in ein Gedicht hineinlesen, als der Autor im Sinne hatte, und harmoniert das Hinein­gelesene mit der Schilderung im Gedicht, so besitzt dieses offensichtlich mehr Tiefe als der Autor hineingeschrieben hatte. Der Leser begeht mit seiner Interpretation keinen Fehler, für ihn ist alleine der Wortlaut des Gedichts entscheidend, nicht die Intention des Verfassers. Ein berühmtes Beispiel eines solchen Gedichts, das erst unter den Augen der Leser an Tiefe gewann, ist "The Road Not Taken" von Robert Frost.

Wir kommen jetzt zu Sprachmitteln, die sowohl die Rätselhaftigkeit als auch die Unverständlichkeit zur Folge haben können. Was die Folge im konkreten Fall ist, ist meist eine Frage des Ausmaßes, in dem das betreffende Mittel eingesetzt wird.

Geizen mit Information

Mit diesem eher profanen Mittel enthält der Autor dem Leser Informationen vor, welche dieser für ein vollständiges Verstehen benötigt. Je mehr Information fehlt, umso mehr muss der Leser ergänzen und umso rätselhafter wird das Gedicht für ihn.

Manche Autoren, wie z.B. E. A. Robinson, lieben es, den Lesern nur ein Mindestmaß an Informa­tio­nen an die Hand zu geben. Die Leser, an ein Übermaß an Information gewohnt, müssen nun auf die kleinsten Zeichen achten und kombinieren wie Sherlock Holmes oder Hercule Poirot, um dem Sinn auf die Spur zu kommen.

Für den Leser macht es einen Unterschied, ob fehlende Information extern, also außerhalb des Gedichts, verfügbar ist oder nicht. Viele Autoren spicken ihre Gedichte mit Bezügen auf die Götter­welt oder die Werke anderer Autoren. Die Leser müssen zu ihrem Verständnis entweder das not­wendige Wissen mitbringen oder sich aus geeigneten Quellen informieren. Schwieriger wird es, wenn der Autor Informationen vorenthält, die auch extern nicht zu haben sind, also z.B. Teile einer Geschichte, die er selbst erfunden hat. Hier kann der Leser nur selbst die Lücken füllen, falls er dies für lohnend hält.


Verfremdung

Von Verfremdung spreche ich, wenn ein Text durch sprachliche Mittel dem Leser entfremdet wird, ihm also nicht so gut verständlich vorkommt wie ein normal formulierter Text. Es gibt viele Möglichkeiten einer solchen Verfremdung.

Die profanste Form sind sprachliche Anomalien. Hierbei benützt der Autor die Sprache anders, als es dem normalen Sprachgebrauch entspricht. Er kann z.B. von der normalen Grammatik abweichen, er kann Wörter anders als im normalen Sinn gebrauchen oder selbst neue Wörter bilden. Eher unerfreuliche Unterarten der sprachlichen Anomalien sind sprachliche Unzu­länglichkeiten. Damit meine ich ungeeignete und irreführende Wörter, aber auch die Wahl falscher Pronomen, Präpositionen und Konjunktionen, die den Leser in eine falsche Richtung lenken.

Verfremdend können auch Metaphern wirken, also Wörter oder Wortkombinationen, die aus ihrem eigentlichen Bedeutungszusammenhang in einen anderen übertragen werden, ohne dass eine explizite Verbindung zwischen dem Beschriebenen und den beschreibenden Wörtern hergestellt wird (Beispiel: "ihm ging ein Licht auf"). Bekannte Metaphern können das Verständnis erleichtern, unbekannte können es unter Umständen erschweren, unpassende erschweren es in jedem Fall.

Hat eine Metapher überhaupt keinen Bezug zur Erfahrungswelt des Lesers, so spricht man von einer Chiffre oder einer absoluten Metapher. Bei der Chiffre benutzt der Autor die Wörter in einem Sinn, den er ihnen selbst gegeben hat. Häufig werden dabei mehrere Wörter zu einem sinntragenden Gebilde zusammen­gefasst. Beispiele dafür sind "die schwarze Milch der Frühe" aus Celans Todesfuge und das "blaue Klavier" in dem gleich­nami­gen Gedicht von Else Lasker-Schüler. In manchen Fällen kann der Leser die Bedeutung der Chiffre aus dem Kontext herleiten oder wenigstens erahnen. In anderen Fällen, z.B. bei diversen Chiffren in Rilkes Sonetten an Orpheus, muss die Bedeutung aus dem Sprachgebrauch des gesamten Werks des Dichters ermittelt werden. Dies ist ein so mühevolles Unterfangen, dass es der normale Leser gar nicht leisten kann. Betrachtet man die Sonette isoliert, kann man sie nur als un­ver­ständlich bezeichnen.

Auch eine indirekte Vermittlung von Informationen, zum Beispiel in Form von Indizien, die über den ganzen Text verstreut sind, kann verfremdend wirken und das Verständnis behindern. Ein überzeugter Indizienstreuer ist z.B. Edwin Arlington Robinson, der diese Technik gerne mit dem Geizen mit Informationen kombiniert.

Als letzte Form der Verfremdung sei der unpräzise oder mehrdeutige Ausdruck erwähnt, der entweder als misslungene Umsetzung konkreter Gedanken auftreten kann, aber auch als direkter Ausdruck unpräziser oder nicht zu präzisierender Gedanken. Im letzten Fall befinden wir uns im Bereich der esoterischen oder okkulten Dichtung.


Zum Schluss stelle ich noch ein Sprachmittel vor, das unweigerlich zur Unverständlichkeit des Gedichts führt und niemals zur Rätselhaftigkeit, nämlich die sinnfreie Formulierung des Texts. Hat ein Gedicht einen sinnlosen Text, so ist es natürlich unverständlich. Nicht jede Unverständlichkeit beruht jedoch auf einem sinnlosen Text. Es genügt hierfür auch eine geeignete Kombination der oben genannten Sprachmittel.


Sinnfreie Textformulierung

Sinnfreie Textformulierung liegt nicht nur vor, wenn ein Autor eine Menge von Wörtern zu einem Wortsalat vermischt, sondern beispielsweise auch, wenn Satzteile, die für sich jeweils in eine sinnvolle Aus­sage eingebettet sein könnten, zu einem sinnfreien Text verbunden werden. Ein Beispiel hierfür ist Gottfried Benns Gedicht "Welle der Nacht".

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, will ich noch erwähnen, dass es für einen Autor durchaus sinnvoll sein kann, ein Gedicht mit einem sinnfreien (sinnlosen) Text auszustatten. Er könnte es z.B. darauf anlegen, dem Hörer ein besonderes Klangerlebnis zu bereiten, das sich aus der Sequenz der aneinandergereihten Wörter ergibt. An der Sinnfreiheit des Textes selbst ändert dies allerdings nichts.