Sonette & Co

© Frank Freimuth


Dämonen

Von Zeit zu Zeit, bevor ihm Schlaf die Macht entreißt,
weist er den Träumen Weg und Ziel,
sinnt Bilder aus und lässt sie sich gebären,
ermalt sich Akte aus geheimer Fantasie.

Er fühlt die Nesseln des Verlangens brennen,
spürt, wie die Hitze in ihm steigt und sticht;
er labt sich gierig an verwünschten Quellen,
trinkt ihre Flut ins sehnsuchtskranke Ich.

Doch manches Mal erheben sich Dämonen
und zerren seinen Traum am Ziel vorbei
in einen Strudel wilder Bilder, von grauenhafter Barbarei.
Wenn es doch nichtig würde, dieses Grauen,
das Schaudern ungespürt, das Unerhörte nicht gehört,
wenn doch ein sanfter Schlaf ihn davon löste!



Der Krieger

Der Pass da oben, nur noch eine Stunde;
nicht denken jetzt, nur treten, treten, treten.
War sie ein Fehler gestern, jene große Runde?
Hab ich die Kraft? Zu wem hilft es zu beten?

Vor mir, im Schleier salzgeplagter Augen
noch einer, der für seine Freuden büßt;
in seinem Kampf wird er mich zu sich saugen,
er wird das Opfer sein, das mir die Buße süßt.

Nach vielen Tritten, die wie Seufzer waren
werf ich passierend einen schnellen Blick;
Ich seh mich selbst mit asch-ergrauten Haaren,
und sterbensmüde ist der Blick zurück.
Ich schreie wirr etwas von Gipfelbier
und trete wild voran - nur weg von hier.



Der See

Er war zugegen, als der See sich füllte
und Fluten Weg und Bäume überrannten,
als Wasser schwappend Zweige bogen
um Enten, die dies lästig fanden.

Die Enten blieben, doch das Andere starb
und mit ihm ging ein Gleichnis seiner Jugend:
die Spiele, das Verstecken, erste Küsse,
die Weiden, Erlen, Bänke, Haselnüsse.
Er fragte sich, was würde dies bewirken;
wo würde sein, was ihm das alles war.

Und immer weiter stieg die Flut
und deckte zu, was Mann und Kind verband,
bis schließlich nur das Pflegeheim verblieb,
das nach wie vor am Ufer stand.



Die Fränkische Schweiz im Hochzeitskleid

Die Schlehen erst, halbhoch und eng verwoben,
und dann, am nächsten, wolkenlosen Tag,
die Kirschenbäume, die von oben
das krönten, was schon aufgebettet lag.

Zwei Tage lang war sie im Hochzeitskleid,
die Braut, die ich aufs Engste kenne,
einst Achterbahn der Jugendzeit,
die jetzt so schön war im Gepränge.

Es fiel mir ein, dass Kirschen Küsse sind
und reife Schlehen meistens sauer,
dass Kirschenäste nicht verlässlich sind
und ihre Kräfte von beschränkter Dauer,
dass Kirschen früher reifen als die Schlehen
und dass im Winter selbst die Blätter gehen.



Die Kreuzritter

Auf unseren Schwertern blitzte Gottes Name,
auf unseren Schildern blendete das Kreuz;
wir wollten jene Brüder reich beschenken,
die seinem Land und seinem Tod gedenken.
Wir streuten Furcht und Leid auf diesem Zug,
der Hauch des Munds war leider nicht genug.

Wir lassen heute unsere Schwerter ruhen
und statt der Schilder schützen Sonnenbrillen;
mit Mund und Händen kann man Gutes tun -
die Wahrheit in verstockte Köpfe pressen.
Wir tun es, denn er kommt nicht von allein,
der klare, schattenlose Sonnenschein.
Wie damals bringen wir oft Furcht und Leid,
doch gleich danach beginnt die gute Zeit.



Die Frucht

Sie war verboten, diese Frucht, verboten
nicht wie die Ruhestörung oder falsches Parken,
nicht wie ein Brief und Päckchen ohne Marken;
nein, sie zu meiden war geboten
so wie ein Schweigen statt des freien Sprechens,
so wie Verstecken eines hässlichen Gebrechens.

Wie der Verheißung gedachte er der Frucht
und sie beherrschte sein Befinden;
sie war die ungestillte, gottgegebene Sucht -
und er, der Pilger, durfte sie nicht finden.

Jetzt ist er alt, und trotzdem hängt die Frucht
so prall vor ihm wie in den jungen Jahren;
er sieht sie an und denkt nicht mehr an Flucht,
sie wärmt ihn gütig unter grauen Haaren.



Ein Kleid, das ich gern trüge

Es gibt ein Kleid, das ich gern trüge,
das mir wohl passt wie meine Haut;
ich trüge es, um dich zu kennen,
zu lieben, bis der Morgen graut.

Es passt nur nicht an allen Tagen,
ist nichts, was man im Kaufhaus findet;
nicht jede würde es gern tragen,
weil es besondere Bande bindet.

Hab ich es erst für dich getragen
und trage dann mein Alltagskleid,
wirst du wie früher zu mir sagen:
"Wir sind ein Boot im Fluss der Zeit"?
Wirst du noch jeden Ton erhören,
wird mich mein Spiegelbild verstören?



Er

Er war ein Einzelkind und Spielzeug seiner Mutter,
ein Legospiel, gemacht zum Schlösserbauen,
ein Teig aus Eiern, Zucker, Mehl und Butter ,
der sie erhebe in die Welt illustrer Frauen.

Ein guter Schüler, denn er kannte seine Pflichten,
die Lehre dann, Soldat, Gesundung, Ehemann,
geeicht, sie eifersüchtig zu besitzen,
denn dies ist, was der Schwache kann.
Er sprach zu ihr von ehelichen Pflichten
von Liebesschuld und Beischlaf dann und wann.

Wenn sich sein scharfer Geist durch Gitterstäbe wand,
war sie dem Hungrigen ein leichtes Futter;
doch später dann, als sie an Lethes Wasser stand,
umgab sie ihn als fahrig-grobe Mutter.

Sie

Ihr Gang war ruhelos, in klitzekleinen Schritten,
zog es sie hin zum Fenster und zurück;
am kleinen Nierentisch fand das Vergessen
zum sinnentleerten, desperaten Blick.

Als Mädchen war sie Vaters Lieblingskind,
denn sie war klug und schmiegsam wie ein Lamm,
mit fünfzehn las sie Goethes Faust,
sog Rilkes Verse ein wie nasser Schwamm.
Doch als dann kam, was sich als Liebe gab,
nahm sie das stille Unglück gleich zum Mann.

Er war der Hoffnungstrank der ausgedörrten Mutter
und die bestimmte, feindlich, ihre Pflicht;
sein Mut für sie war nur von kurzer Dauer,
er hielt sie fest, doch Liebe war es nicht.



Reiseplanung

Die Zeichen mehren sich, seit ich so nahe bin:
es fehlt die Sprache, schwindet das Verstehen;
die Wörter, die ich finde, treffen nicht den Sinn,
das Ungesagte bleibt und die Momente gehen.

Die Grenze noch, dann ist das Land verlassen,
ich werde vieles nur verschwommen sehen,
ich werde greifen, doch nicht mehr erfassen,
an lauten Straßen werden Hüllen stehen.

Noch wäre Zeit, das Reiseziel zu ändern.
Vielleicht taugt mir ein unbelebtes Land
doch mehr, als Arm in Arm zu schlendern,
und was ihm fehlt, fehlt auch dem Unverstand.
Der Flug dorthin ist niemals Zuckerschlecken,
die breite Spur wird meinen Weg verdecken.




Sagt ihr mir nicht

Sagt ihr mir nicht, dies sei die Straße,
der ich nur folgen müsse bis zum Ende,
und sagt mir nicht, dass dann am Ende
die große Siegerehrung sei.

Sag du mir nicht, ich könne fahren
wohin und wie es mir beliebt,
und sag mir nicht, dass das Gelände
nur Deckung sei für den, der liebt.

Bin ich der Hammer oder bin ich Nagel,
bin ich ein Blasebalg, ein Blatt im Wind?
Bin ich die Strömung oder starkes Wehr,
ein Schreihals oder braves Kind?
Soll ich mich treiben lassen wie ein Holz?
Kann ich mich selbst erbauen bis zum Stolz?



Wie dickes Glas

Wie dickes Glas, das jeden Schall verschluckt,
liegt dieses Schweigen zwischen ihnen,
und das Gewirr der Stimmen ringsumher
bedrängt ihn wie ein Schwarm von Bienen.

Zu kleinen Krümeln ist ihm schon zerbrochen,
was er sich wünschte, sie zu fragen,
davor ein Berg aus aufgestauten Worten,
zu hoch, um ihn noch abzutragen.

Er möchte gern ihr Innerstes erreichen
und schafft nicht mal das Stelldichein der Hände,
sein schwerer Mund lässt ihren Blick verstreichen
und zuckt, als ob er Worte für sie fände.
Ob dieses Glas noch irgendwann zerbricht?
Kann er vom Mund erzwingen, dass er spricht?



Alte Freunde

Nur schwarzes Haar spricht noch von alten Zeiten,
als er ein unzähmbarer Hitzkopf war;
ich ließ mich oft von seinen Sprüngen leiten
und ob das gut war, war nicht immer klar.

Leg ich den Arm um ihn, geht's nicht um alte Stürme,
es ist ein Proben, ob das Leben dauert;
wir bauen keine hohen, dicken Türme,
es ist nicht so, dass uns vor Regung schauert.

Dass das, was war, nicht ganz vergangen ist,
dass wir noch fühlen, ist ein Trost;
auch wer sein Glück nicht mehr an Gipfeln misst,
braucht eine Hand, die ihn liebkost.



Die Lesende

Dahingestreckt liegt sie wie Sultans Frau,
statt schwarzer Flut ist goldnes Haar zu sehen;
sie wippt, Grünbraun geschärft in Rahmengrau,

die nackten, rot lackierten Zehen.

Sie tastet sich zum nächsten Rätselwort

und hält dort inne, um es zu besinnen,
doch lässt ihr Halt an diesem Ort
mein schon Erhörtes schnell zerrinnen.

Obwohl nun Orpheus nicht mehr singt,
weil ihn die Ungewissheit plagt,
ist da ein anderes, das mir klingt,
das mir ganz wortlos etwas sagt.

Ich seh aus Füßen spitze Zungen ragen
so rot und heiß, wie Feuer ist,
und wie es sei, muss ich mich fragen,
wenn sie mit tausend Zungen küsst.



Es ist die Liebe

Es ist die Liebe, sagte sie, und was sie meinte,
das war die Liebe einer See im Sturm,
wo kleine Boote Monsterwellen reiten,
ganz tief ins Tal und hoch zum Wellenturm.

Ganz anders war die Liebe, die sie lebten,
ein stetes Segeln in geschützter, stiller Bucht,
wo selten Planken unter Stürmen bebten
und wo kein Schiffer mit Neptun Händel sucht.

Was nützt ihm Wissen, dass ein kleines Boot
so gut wie nie das Toben übersteht,
dass die Besatzung in der höchsten Not
dem Unglück nur durch Kurs zur Bucht entgeht!

Es wird kein Mensch als Kapitän geboren
und Weisheit ist ein Kind vom Sturm,
wer sie besitzt, hat manches Mal verloren,
fliegt nicht ins Tal und nicht mehr auf den Turm.




Flüchtig

So wie ein langes Fest soll ihr der Herbst begegnen
und voller Gier saugt sie das Leben in die Lungen,
lässt sich vom Nektar locken wie ein Schmetterling,
trinkt lechzend Huld von lobesreichen Zungen,
vergisst was war und schnell vorüberging.

Ist sie bei ihm, bringt sie die Welt zum Beben,
dann hält das Mühlrad nicht die Lust gefangen,
versperrt den Sinnen nicht die Wiederkehr;
dann fällt er tief und fühlt sich aufgefangen
und wär dies Tod, er wehrte sich nicht mehr.

Der Falterflug ließ ihn schon oft,
doch oft auch nicht die Felder golden sehen,
so dass die Einsicht nüchtern zu ihm spricht,
nicht jeden Flug als letzten Flug zu sehen,
dass Rohr im Wind nur selten bricht,
dass Dann-und-wann viel besser ist als Nicht.



Eindruck

So viele waren voll des Lobes über ihn,
dass er voll Kraft sei, einer von Statur,
dass er nicht bieder sei und auch nicht kompliziert,
ein Kind des Volkes, gänzlich unverfälscht,
und jeder leicht den Zugang zu ihm finde.

So war er auch, als wir vor dann vor ihm saßen,
er machte Eindruck, glänzte, wirkte imposant,
wenn auch mit zu viel Wärme, wie man fand,
und dann schlich sich ein kleiner, falscher Ton hinein -
Das Glas war viel zu groß für diesen kleinen Wein.



Der Ruf der Berge

Die Redner lobten ihn für Mut und Unerschrockenheit,
für seine Kämpfe gegen Eis und Wind,
für sein Alleinsein in den steilsten Wänden
und für das spät erreichte Glück mit Frau und Kind.

Der Grabstein schien wie er war, schlank und schlicht,
die Inschrift aber traf das Von-ihm-Meinen nicht:
"Er hasste Berge und die schroffen Wände,
das Eis, den Wind und seine blauen Hände,
und dennoch zog er los, sie zu besiegen,
um nicht den dumpfen Ängsten zu erliegen."



Monster und Engel

Die Mutter nicht und auch der Vater nicht
sind ihm ein Schutz vor diesen Ängsten,
die ihm den Schlaf in vielen Nächten rauben
und die ihn seit der Kinderzeit begleiten.

Wie könnten sie auch helfen, diese alten,
und jetzt so wackligen, vergesslichen Gestalten,
so liebend, ja, doch auch so schwach und hilfsbedürftig,
und selbst in Angst vor dem, was kommt.
Wie sollten sie ihm helfen gegen Monster,

die lächeln können, warme Worte sprechen,
erraten, was der Andere ersehnt,
doch die nicht fühlen, und die,
um selbst zu wissen, wie das Fühlen geht,
die Fühlenden zu schlimmem Fühlen zwingen.

So sucht er nun nach klitzekleinen Monstern,
die ihm die Angst nur sehr gedämpft bereiten,
und lädt sie ein zu Tanz und Lustbarkeiten.
Er fühlt für kurze Zeit erträgliches Entsetzen
und kann den Wolf durch einen Hund ersetzen.

Ist es Verdrängung, ist es ein Wolkenbau,
das Walten hilfsbereiter Engel?
So mancher klagt, dass ihn ein Monster quäle
und baut an einem Rettungsring der Seele.



Mengenlehre

Wie in der Riesenwoge treibend
fühlst du dich, Mensch, in einer Menge;
erfüllt vom rauschenden Getöse
fliegst du in Höhen fern der Enge.

Was sich entgegenstellt und widersetzt,
das reißt die Woge kraftvoll nieder,
hinweggefegt und dann zerfetzt
erbaut man es danach nicht wieder,

und den, der in der Woge schwimmt ,
den hüllt sie in ein Vlies aus Watte;
er nimmt die Richtung, die sie nimmt,
vergisst, dass er je Zweifel hatte.

Wer in der Riesenwoge treibt,
ist Teil von ihr und in ihr aufgegangen;
an dem, was in den Fluten bleibt,
kann sich das Auge nicht verfangen.

Wer in der Riesenwoge schwimmt
ist wie betäubt und kann nicht fassen,
dass das, was er im Rausche tilgt,
vielleicht nicht taugt als Grund zum Hassen.



Der Blick des wilden Tieres

Du hütest dich, das wilde Tier zu zeigen,
das du im Keller gut versteckst,
du tränkst es nicht, hast ihm stets Fraß versagt
und machst den Käfig niemals auf,
in dem es knurrt und grollt und heulend klagt.

Du schaust ihm selten in die Augen,
in denen Hunger neben Sehnsucht brennt,
und wenn, hältst du dem Blick nicht lange stand
und schließt die Tür, bevor er dich versengt.

Natürlich ahnst du, dass in Nachbarhäusern
so mancher sich ein Tier hält wie das deine
von denen manches beißt und Lämmer reißt,
nimmt man es nicht ganz sorgsam an die Leine.

Weißt du, dass manche wie gebannt in ihren Keller steigen
und dort den Blick des Tieres auf sich nehmen
für ein Gefühl von ihm und für ein Bild, das von ihm spricht,
das dir, wenn du es einmal sehen solltest,
seltsam bekannt ist und auch wieder nicht!



Das Böse

Das Böse, so der Redner auf dem Pult,
das Böse sei dasselbe wie vor achtzig Jahren.

Er war ein ehrenwerter, kluger Mann, beliebt bei seinesgleichen,
gleich welcher Farbe und gleich welchen Glaubens,
kein Mensch, der Leere mit Effekten füllte,
und doch war mir, kaum war der Satz verklungen,
als ob ein dickes Tuch den Kern verhüllte.

Als dieses fiel, sah ich im Geist vor mir,
inmitten eines Meeres unbedarfter Kinder,
auf einer kleinen Insel rote Teufel tanzen,
mit Hörnern, Schwänzen und mit Dreizacklanzen,
und hörte eine Stimme rufen: "Sünder, Sünder, Sünder!"

Mir wurde schwindlig; ich verkrampfte mich,
doch offenbarte mir ein Blick nach oben,
dass ich in meiner Schwäche nicht alleine war,
denn auch der Redner hatte seinen Blick erhoben
und suchte hilflos das Wesen der Gefahr.


© Frank Freimuth