Stickney: In Ampezzo


Trumbull Stickneys "In Ampezzo" - ein Bild der Zerrissenheit
von Frank Freimuth

Die folgenden Ausführungen und die verwendete Übersetzung des Gedichts stammen aus meinem 2019 erschienenen Buch "in Form geblieben".

Ist ein Nomadenleben leichter zu verkraften, wenn es nicht von Existenzsorgen begleitet ist, sondern sich im Wohlstand voll­zieht? Joseph Trumbull Stickney, Sohn reicher und reisewüti­ger Kosmopoliten und selbst einer geworden, war nicht glück­lich in seiner Ruhelosigkeit. Andererseits verdanken wir die­sem We­senszug viele schöne und einige wundervolle Gedich­te. Die Ruhelosigkeit und das Nichtverharrenkönnen sind die zentralen Themen seines dichterischen Schaffens. Die beiden vielleicht schönsten seiner Gedichte, In Ampezzo und Mnemo­syne, handeln davon, das erste in Form einer vorausschauenden Überlegung, das zweite als Rückschau auf Verlorenes.

Stickney, ein brillanter Altphilologe, der auch Französisch wie seine Muttersprache beherrschte, hatte viel von den fran­zösischen Symbolisten gelernt. Seine Gedichte sind perfekt konstruiert, wohlklingend, voll von Symbolik und Allegorien. Dabei verlässt er aber nie den Boden der Grammatik und der sinnvollen Aussage, so dass die Verse auf jeder Stufe des Ver­stehens Vergnügen bereiten.

In zwanzig vierzeiligen Strophen, auf die sich sieben sehr un­gleich lange Sätze verteilen, beschreibt der Sprecher seine Ein­drücke in der Natur um das herbstliche Cortina d'Ampezzo. Die Stadt selbst und ihre Bewohner spielen keine Rolle dabei. Tatsächlich handelt es sich nicht nur um eine Naturbeschrei­bung, sondern auch um die Schilderung eines Seelenzustands und seiner Schwankungen. Mit Bezug auf diese Schwankun­gen kann man die Beschreibung in fünf Phasen unterteilen.

Die erste Phase fällt mit dem ersten Satz zusammen. Dieser ist der längste des Gedichts. Er erstreckt sich über neun Stro­phen und verlangt dem Leser einiges an Spürsinn ab, denn dem Textfluss ist nicht leicht zu folgen. Der Hauptsatz beschränkt sich auf die erste Strophe und besteht aus zwei Feststellungen, die im Original durch einen Gedankenstrich, in der Überset­zung durch ein Komma getrennt sind.

Nur einmal noch kommt das "Nicht mehr",
schütteln Lärchen dieses Echo in den Wind,
und sehen wir im Bogen, blau und schwer,
des Himmels Böden, die darunter sind,

zwischen der Tofana und Cristallo liegend
in Wiesengründen über Klingelflüssen:
daraus vielleicht gemäße Sehnsucht fliegend,
mit Zögern, wie auf Träumerfüßen,

am Abend, südlich, am Aufschwung des Cadores
unter grünem welschem Himmel, oder fort
in Morgenstille hinterm Lavinores,
hin nach Tirol und weiter Richtung Nord:

da nun, wo auch der letzte späte Tag vergeht,
der Bauer braungetönte Felder abarbeitet
und mäht, wo Gras und Bergklee steht
und sich die Sonne herbstlich breitet,

mit Honigduft, der dich umschwebt und lau
in warmem Labyrinth zum Atem reicht,
wie zartes Gleiten, mit dem eine Frau
dir mit den Fingern durch die Haare streicht;

wenn Sensen zischen und Mäher mit Kraft
den Bogen spannen im Vor und Zurück,
wenn die Sichel ins Korn rauscht aus trockenem Schaft,
sich fängt und löst und geht mit Klick,

weit durch den blauen Tag und grüne Wiesen,
wo Garben sich als Bernsteinperlen geben,
und Wolkenschatten, die darüber fließen,
ein dunkles Tuch um Grund und Blätter weben:

indessen nah die Häupter wie aus Eisen
im Himmel stecken wie die Pyramiden
und ihre Schluchten und die Pfeiler gleißen
der bräunlich-grauen, öden Dolomiten, -

und sich ergießt von einer schmalen Spitze
Geröll in Strömen, älter als Verfallensein,
wie ein Komet hinunter in der Mittagshitze
und schlägt im Schotterbecken ein.

Die erste Feststellung spricht von den Lärchen, welche "ein Echo in den Wind schütteln", das klinge wie "nicht mehr" ("not again") und das auch nicht mehr wiederholt werde. Der Leser merkt bereits hier, dass es dem Sprecher nicht primär um eine realistische Schilderung der Naturphänomene geht, son­dern um seine Eindrücke. Seine Sprache ist, auch im weiteren Verlauf, reich an plastischen Bildern und Analogien.

Die zweite Feststellung ist, alleine für sich, profan: unter dem schweren, blauen Himmel breite sich die Ebene aus oder, in der bildhaften Sprache des Sprechers, der Himmel wölbe sich wie ein Bogen über die Böden. Diese Aussage wird im Folgenden ergänzt durch zahlreiche Einzelbeobachtungen von Herbsterscheinungen, die sich in Nebensätzen über acht Stro­phen erstrecken. Offensichtlich gibt es unter diesen Beobach­tungen solche, die beim Sprecher angenehme Empfindungen wecken und teilweise auch schöne Erinnerungen und Sehn­süchte wachrufen. So wie die grünen Böden über den klingen­den Flüssen in Strophe 2 und die Ernte unter der Herbstsonne, deren begleitende Luftströmungen ihn an eine Frau denken las­sen, welche ihre Finger durch sein Haar gleiten lässt (Strophe 5).

Doch die Eindrücke des Sprechers sind nicht alle positiv. Zwar spricht er nicht explizit über seine Empfindungen, aber die Wortwahl bei seiner Beschreibung der Phänomene in den Strophen 7 - 9 spricht eine beredte Sprache. In Strophe 7 wird die negative Wertung der letzten beiden Zeilen (Wolkenschat­ten, ein dunkles Tuch) besonders deutlich, weil sie unmittelbar auf einen positiven Eindruck folgt (die Garben als bernstein­farbene Perlen auf der Wiese). Der Sprecher erscheint hin- und hergerissen zwischen Entzücken und Unbehagen. Auch die Be­schreibung in Strophe 8 ist zwiespältig, verknüpft sie doch einen strahlend blauen Himmel aus der vorherigen Strophe mit der Trostlosigkeit der Dolomitengipfel. Strophe 9 bringt dann den dazu passenden freudlosen Abschluss: das Geröll von den Gipfeln schlägt im Schotterbecken ein.

Der Sprecher ist in dieser ersten Phase seiner Gedankenreise durch die Natur von einem Wirrwarr der Gefühle beherrscht, der sich in einer höchst subjektiven Bewertung der Naturer­scheinungen niederschlägt. Positive Gedanken streiten mit ne­gativen, wobei letztere leicht im Vorteil sind. Selbst das Gefühl des Sprechers, dass der Sommer endgültig sein Ende erreicht hat, trägt den Tatsachen nur beschränkt Rechnung, denn offen­sichtlich herrscht in seiner Umgebung zur Zeit der Schilderung ein herrlicher Altweibersommer.

In der zweiten Phase seiner Überlegungen, welche die Strophen 10 bis 13 umfasst, löst sich der Sprecher etwas von der unmittelbaren Umgebung. Er schweift ab und verfällt in Erinnerungen:

Und nun verblassen sachte Sommerbilder
die goldgefärbter Amethystenherbst verhielt,
und sanfte Träume werden wieder stärker
auf edlen Gamben, lange nicht bespielt,

von manchem Winkel, wo wir wandern,
innigst erinnernd und so schnell verlassend, -
am trüben Ufer eine Kiefer, und Oleander,
den See sich röten lassend.

Und hier, von Jahr zu Jahr uns mehr vertraut,
von Vögeln und aus manchem Waldesstück,
und auch vom Meer, das seine Wogen baut,
erheben sich die Dämpfe von Musik.

Aus vielen Osten schickt der Morgen Pracht
die Schatten nehmen schnell vergessene Farben mit,
das Abendrot hat sich im Rückblick sanft gemacht,
deckt sich mit mattem Violett.

Es sind angenehme Erinnerungen an den Sommer, nicht nur an den unmittelbar vergangenen, sondern auch an frühere, wie uns Strophe 12 suggeriert. Strophe 13 offenbart, dass die Träume­reien des Sprechers und seine Erinnerungen an Schö­nes keines­wegs an Ampezzo gebunden sind. "Aus vielen Os­ten" spendet der Morgen seine Pracht, also auch an vielen anderen Orten.

Der ruhige Ton der zweiten Phase, der uns fast dazu bewegen könnte, dem Sprecher ein ausgeglichenes und unbeschwertes Wesen zuzuschreiben, nimmt mit Strophe 14 ein jähes Ende. Die nun einsetzende dritte Phase ist durch eine fast panische Aufbruchsstimmung geprägt (Strophen 14 und 15):

Nur weg von hier! Bald wird ein Wintertuch gelegt,
das sich metallen um entfärbte Berge hüllt,
wogegen anderswo der Frühling Blüten webt,
und sie mit Rosenduft erfüllt.

Nur weg! Weil das Gebirge im Geröll versinkt.
Vergessen wir den Unglücksort im Gehen,
und lassen wir, so dies Erfüllung bringt,
sie uns im Neuen, Fremden sehen.

Es ist eine Aufwallung von Flüchtenwollen, die den Sprecher hier erfasst. Und wieder hat man den Eindruck, dass die düstere Stimmung des Sprechers ihn zu negativen Eindrücken kom­men lässt, die der Realität entrückt sind. Doch selbst in diesem heftigen Anfall von Gefühlen ist der Sprecher nicht ohne Zwei­fel. Dies belegen die beiden letzten Zeilen von Strophe 15, wo er die Erwartung an die Erfüllung durch das Neue und Fremde recht skeptisch äußert ("so dies Erfüllung bringt").

Diese Skepsis wird in der nun folgenden vierten Überle­gungsphase mit neuen Ideen gefüttert. Ob es denn nicht bes­ser sei, zu verharren, sich auf das Schöne zu konzentrieren, von dem man bereits umgeben sei, als stets Reißaus zu nehmen. Die Strophen 16 und 17 gehören zu den schönsten des Gedichts:

Es wär' denn besser, wir wären kaum umlebt,
dass uns das Monoton als Gott erscheine,
und wir vom Schönen, das uns einbezieht
nur eine Liebe lieben, nur die eine,

für diesen kurzen Schatten, den wir leben,
die Zeit, die unsere Herzen magisch singen,
dass wir das Fieber messen, alles geben
in eines nur von allen Dingen?

Erstaunt es uns nach all der Zerrissenheit, die der Sprecher schon an den Tag gelegt hat, dass auch dieser Gedanke schon zu Beginn mit Skepsis belegt wird? Schon in den ersten beiden Zeilen von Strophe 16 wird er als "Monoton" desavouiert und seine Wirksamkeit an ein Leben gebunden, das keinen Ablen­kungen unterworfen ist ("kaum umlebt"). Ist sich der Sprecher seiner selbst sicher? Könnte er dem Flüchtenwollen standhal­ten, wenn er es wollte? Er hat jedenfalls einen Versuch ge­macht, wie er in der letzten Phase seiner Betrachtung offenbart. Er ist an den echten und gedachten Produkten des herbstlichen Verfalls vorbeigestiegen und hat ein Sträußchen Akelei gefun­den, das zwischen den Büschen versteckt war:

So wie auch hier, vorbei an stumpfer Traurigkeit,
mit der die kranken Berge am Vergehen leiden,
sich abendroter Herbst und Sommerzeit
ins Tal hinab zergleiten;

und all die Himmelsstriche, die als Saum
Sorapiss und Mezzodi-Fels bemessen,
zerbröckeln auf dem Weg aus Schaum,
der blauen See zum Fressen:

wogegen ich im Morgengrau mit Zitterhand,
schon hoch, an Moos und Kieferntod vorbei,
versteckt in Hecken dieses Sträußchen fand
von blauer Alpenakelei.

Die Abschlussstrophe liest sich weniger wie ein Testat für er­folgreiches Beharren als vielmehr wie eine Beschwörung. Das Bewundern und Pflücken einer Akelei ist nicht schon das Ge­lingen. Es ist nur ein Beispiel, wie das Verharren gelingen könnte. Auch der Sprecher ist sich dessen bewusst. Er pflückt das Sträußchen mit zitternder Hand.

In Ampezzo ist ein perfekt konstruiertes Gedicht. Bestünde es nur aus den Natureindrücken, so würden wir den Sprecher vielleicht als jemanden einschätzen, der an allem, selbst am Schönsten, etwas auszusetzen hat. Erst die Ausflüge des Spre­chers in die Träumerei und seine Reflektionen über die Be­schränkung auf das Momentane lassen uns der Verbindung zwischen der Beschreibung und seiner Seelenlage, seiner Zer­rissenheit, gewahr werden. Diese Zerrissenheit, so erkennen wir, beschränkt sich nicht auf die Entscheidung, ob es besser sei, noch am Ort zu bleiben oder abzureisen. Sie umfasst auch seine Beziehungen, sein ganzes Leben.

Die ausgefeilte Konstruktion des Gedichts und die durch­dachte Ausgestaltung der Sprecherpersönlichkeit erinnern an die Arbeiten von E. A. Robinson. Robinson war der erste, der das Potential, das im Wesen des Sprechers liegt, voll ausge­schöpft hat. Seine Sprecher sind weder allwis­send noch erzäh­len sie in reflektierter Weise die eigene Ge­schichte, sondern sie sind Menschen mit realistischer Persön­lichkeit. So ist dies auch bei dem zerrissenen, stets zur Flucht bereiten Sprecher in Stick­neys Ampezzo. Stickney war zur selben Zeit in Harvard wie Robinson. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass er bei der Sprechergestaltung von Robinson beeinflusst war.


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