Unkraut

© Frank Freimuth


Der Hase

Neulich sah ich einen Hasen
fliegen in der Vögel Schar
und ich konnte es kaum fassen,
dass schon wieder Ostern war.
Wehmut macht' sich in mir breit:
Ach, wie schnell vergeht die Zeit!



Allmächtiger Dichter

Weil jedermann nach Versen schreit
Bin ich als Dichter stets bereit.
Mag manches dir ein Rätsel sein,
ich mach darauf mir einen Reim.
Vom ollen Shakespeare bis zu Simmel,
von Haares Spitze bis zum Pimmel,
von Lappersdorf bis an die Schären,
kann ich die ganze Welt erklären.



Herr L. und die Birkenpellets

Herr L. verpflanzte einst drei Birken
vom Heideland an seinen Zaun;
nun stehen täglich er und seine Liebste
am Fenster, um die Schönen anzuschaun.

Wie freuen sich der Birken ihre Seelen,
wie pocht das Herz bei süßem Tun,
wie perlt der Wein in ihren Kehlen,
wenn sie im Birkenschatten ruhn.

Doch ach, der Winter kommt, und er ist bitter,
Väterchen Frost lässt ihre Lieb gefrieren,
die Mutter Erde zeigt sich als ein Zwitter,
und eisig Wind zieht heftig um die Nieren.

Was nützen wunderschöne Bäume,
wenn jeder Atemzug zu weißem Dunst gefriert,
und jede nicht geschlossene Tür
nur Schüttelfrost und Ohrenschmerz gebiert!

Herr L. lässt schließlich alle Birken
bis auf den Stumpf zusammensägen,
und, weil die viel mehr wärmend wirken,
zu dicken braunen Pellets prägen.

Nun sitzt er stundenlang im warmen Raum,
das Herz ist leer und doch so schwer,
der Liebsten Kuss ist nur noch Traum,
und auch die Birken sind nicht mehr.



Der Mops

Ganz brav an ihrer Seite
war stets der kleine Mops;
den hielt sie an der Leine
aus Angst, er ginge hops.



Die Meerjungfrauen

Jeden Tag im Morgengrauen
folg ich dem Tanz der Meerjungfrauen,
doch zur Paarung kommt es nimmer,
denn ich bin ein schlechter Schwimmer.



Morgengrauen

Manchmal hab ich große Sorgen
und dann graut es mir am Morgen,
doch am Abend dämmert mir:
am besten hülfe jetzt ein Bier.



Kleines Würstchen

Lad ich dich auf ein Würstchen ein,
sagst du mir gleich, es sei zu klein;
doch kleine Würstchen werden groß -
und wieder klein - das ist ihr Los.



Schlechter Wein

Einst waren wir bei schlechtem Weine
innig vereint in großem Glück.
Trink ich heute solche Weine,
Kehrt das Glück mir prompt zurück.



Brillenschlangen

Wolln dich die Schlangen mit den Brillen
verschlingen gegen deinen Willen,
dann nimm sofort die Brillen ab
und laufe fort in schnellem Trab.



Februar

Als Monat gibt er nicht viel her,
man hätte gern der Tage mehr,
doch neulich, als ich mit offenem Latz
Der Liebsten zeigte meinen Schatz,
das Staunen so gering nicht war,
ist er doch lang wie Februar.



Das elfte Gebot

Ich küsste sie in Träumen,
doch fand nicht Schrift und Ton;
das Schicksal straft mein Säumen,
denn nun ist sie davon.



Öffentlicher Nahverkehr

Meinen Bus darf ich nicht missen,
denn der Fahrer will mich küssen,
und springt die Ampel erst auf grün,
dann wird mein kleiner Fahrer kühn:
Er nimmt mich feste in den Arm
und mir wird dabei richtig warm.
In ausgebleichten Quietschesitzen
kommen wir dann sehr ins Schwitzen.

Glaubt mir, mein Leben wäre schwer
ohne diesen Nahverkehr.



Schmollen

Es war ein fürchterliches Schmollen,
er hatte sie erwürgen wollen,
sie dagegen hielt vonnöten,
durch starke Gifte ihn zu töten.

Doch macht das alles wirklich Sinn?
Am Ende wären beide hin!



Schweineliebe

Wo Schweine miteinander suhlen,
da wird bald eins ums andere buhlen,
wo sie ihr Mahl hinunterschlunzen,
vernimmt man liebevolles Grunzen.

Die Frage ist, was liebestolle Schweine
So machen. Ist es nur das Eine?
Tun sie der Liebe Lieder singen
und pflegen sie den Tausch von Ringen?

Zudem möchten wir gern wissen:
Treffen Schweineschnauzen sich zum Küssen?
Um es zu wissen, hab ich Tag und Nacht
Ganz viele Schweine überwacht.

Als Ergebnis kann ich sagen
was Forscher nicht zu äußern wagen:
Ganz gleich, wes wir die Schweine zeihen
Sie wollen auch nur Schweinereien.



Problematische Lektüre

In der Stadt, beim Schnäppchenjagen,
traf ich den Freund aus alten Tagen,
den lieben Freund, damals so jung,
mit einem unzähmbaren Schwung.

Nun zierten tiefe Falten seine Stirne,
die Haare klebten fett auf seiner Birne,
nervöses Zucken ständig um den Mund,
die Augenlider zwinkernd ohne Grund.

"Mein lieber Freund, was ist mit dir geschehen?
Es tut unendlich leid, dich so zu sehen.
Ich bitte dich, lass es mich hören,
was kann ein Wesen so zerstören?"

Die Tränen rinnen wie ein Strom herunter,
ihm, der stets so lustig war und munter.
"Ein Buch war's, das zerstört mein Wesen.
Ich habe Heidegger gelesen!"

Zweifelnd blicke ich ihn an.
So zeigt sich allerschlimmster Wahn!
"Doch war nicht er allein es, den ich las.
Danach las ich den Habermas."



Strudelnde Runde

Sie saßen fröhlich in der Runde
und führten oft das Glas zum Munde;
der Wein, er strudelte im Schlunde
und zog sie tief hinab zum Grunde.



Hilfe tut not

Wenn ein Dichter dichten tut,
ist das weiß Gott nicht immer gut,
doch hilft ihm oft nach seiner Tat
der Musen wundervoller Rat.



Afrika

Sie wollte immer schon dorthin,
nun tat sie es, mit Fähre und mit Bus,
sie wandelte auf Märkten und durch Gassen,
erwarb ein schönes Kleid und einen Negerkuss.



Fußballweisheit

Der Stürmer schießt nicht gern aufs Tor,
denn der Torwart steht davor,
doch wenn der Torwart Urlaub macht,
schießt der Stürmer, dass es kracht.



Malaga

Wie ich aus ihrer Nachricht sah
war sie verreist nach Malaga;
sie fügte auch ein Herzchen bei
und schrieb, dass es das letzte sei.



Exil

Nach zwanzig Jahren im Exil
dachte sie, das ist zu viel,
und holte ihn dorthin zurück,
wo sie den Armen einst verschickt.



Fisherman's Friend

They'd sailed for an hour, maybe for two,
the fisherman and his friend,
when a storm arose, as bad as hell,
the ship swaying to and fro.

Then a huge wave came, born by the storm,
and the fisherman went by the board.
He cried and struggled, lost in the sea
as in a puddle struggles the worm.

Oh, my dearest mate, please help me fast,
lest my fucking life here ends!
The friend ran away and came back at last -
bringing fishermen's friends.