Baudelaire: La Destruction


Vom Dämon besessen - Baudelaires La Destruction

von Frank Freimuth

La Destruction

Sans cesse à mes côtés s'agite le Démon;
II nage autour de moi comme un air impalpable;
Je l'avale et le sens qui brûle mon poumon
Et l'emplit d'un désir éternel et coupable.

Parfois il prend, sachant mon grand amour de l'Art,
La forme de la plus séduisante des femmes,
Et, sous de spécieux prétextes de cafard,
Accoutume ma lèvre à des philtres infâmes.

II me conduit ainsi, loin du regard de Dieu,
Haletant et brisé de fatigue, au milieu
Des plaines de l'Ennui, profondes et désertes,

Et jette dans mes yeux pleins de confusion
Des vêtements souillés, des blessures ouvertes,
Et l'appareil sanglant de la Destruction!


Die Protagonisten des Gedichts sind der Sprecher, der uns in der ersten Person entgegentritt, und ein Dämon, der den Sprecher bedrängt. Bei dem Sprecher handelt es sich sicherlich um den "Poeten", also die Kunstfigur, die unter diesem Namen in vielen Gedichten der Fleurs auftritt. Ob der Dämon dem Satan entspricht, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Manches deutet darauf hin, z.B. dass in der dritten Strophe auf Gott Bezug genommen wird und Gott und Satan bekanntlich die Widersacher in der christlichen Gedankenwelt sind. Andererseits hätte der Autor den Satan wahrscheinlich Satan genannt, wenn er ihn gemeint hätte. Es ist möglich, dass er den Begriff Dämon ambivalent halten wollte, einerseits Satan damit verbinden lassen wollte, aber auch eine andere mögliche Kraft, die auf den Poeten einwirkt.

Der Dämon, so erfahren wir in der ersten Strophe, umschwimmt den Poeten ohne Unterlass wie eine unspürbare Luft, welche der Poet unbewusst einatmet. Diese Luft brennt in seinen Lungen und füllt sie mit einem unendlichen und schuldhaften Begehren. Der Poet ist also dem Dämon hilflos ausge­liefert. Wenn ihm die Lungen brennen und ihn die Begierden plagen, ist es schon zu spät. Was der Poet mit "schuldhaft" (coupable) meint, lässt er offen.Es ist anzunehmen, dass er die Begierden auch nach seinen eigenen Maßstäben als ungut empfindet, nicht nur nach den Maßstäben einer von anderen aufgedrückten Moral. Hätte er beispielsweise schuldhaft im Sinne der christlichen Moral gemeint, so hätte er, genauer, von "sündhaft" sprechen können.

In der zweiten Strophe geht es um eine konkrete Art und Weise, mit der der Dämon den Poeten von Zeit zu Zeit auf Abwege führt. Dabei benutzt er eine heuchlerische Strategie, um die ehrenwerten Neigun­gen des Poeten zum Schlechten zu wenden: er nutzt die Liebe des Poeten zur Kunst aus. Künstler in der Zeit des Poeten strebten nach Schönheit, und dieses Streben nach Schönheit fand seinen Aus­druck in vielen Skulpturen und Bildern schöner Frauen. Der Dämon verwandelt sich deshalb in eine außergewöhnlich reizvolle Frau, um den Poeten zu verführen. Doch damit nicht genug: diese "reiz­vollste der Frauen" macht den Poeten auch noch von gräulichen Zaubertränken abhängig. Die Formulierung der zweiten Strophe lässt offen, ob der Dämon dem Poeten tatsächlich in Form einer schönen Frau gegenübertritt oder ob er nur in dessen Fantasie das Bild einer solchen Frau entstehen lässt.

In den folgenden beiden Terzetten nimmt das Sonett eine dramatische Entwicklung. Durch seine heuchlerischen Einflüsterungen und das, was daraus entstand, hat der Dämon den Poeten auf das Feld des "Ennui" geführt, und zwar direkt in dessen Zentrum. Der Poet ist dabei nicht in guter Verfas­sung, er hat Atemnot, ist todmüde und "weit weg von Gottes Blicken". Wie immer, wenn Baudelaires Poet das Wort "Ennui" benutzt, ist dessen Bedeutung nicht die einer schlichten Langeweile, wie sie durch einen verregneten Sonntagnachmittag entstehen kann. Da er den Begriff nicht definiert, müs­sen wir versuchen ihm nahe zu kommen, indem wir nachvollziehen wie es zum "Ennui" kommt. Wir sind dabei auf die Andeutungen des Poeten angewiesen, denn was genau zwi­schen ihm und der Dämonfrau unter dem Einfluss der gräulichen Zaubertränke passsiert ist, darüber schweigt er sich aus. Was passiert sein könnte, hängt davon ab, ob der Dämon dem Poeten in Gestalt einer realen Schönen oder nur in Form einer Fantasie gegenübergetreten ist.

Im zweiten Fall ist die Diagnose leichter. Der Poet leidet am unerfüllten Begehren nach der Schönen und ersäuft seinen Kummer mit den gräulichen Zaubertränken. Wir haben es mit einem klassischen Fall der Frustration, einer Versagung, zu tun. Gehen wir vom ersten Fall aus, dann ist die Diagnose schwieriger, denn es gibt viele Möglichkeiten. Der Poet könnte die schöne Frau erfolglos umworben und anschließend, wie im ersten Fall, seinen Kummer in Alkohol ertränkt haben. Das Ergebnis wäre wohl nicht viel anders als mit der nur vorgestellten Frau, nämlich Frustration. Anders wäre die Lage zu beurteilen, wenn wir annehmen, dass der Poet die Gunst der schönen Frau erringen konnte. Da er trotzdem im "Ennui" gelandet ist, ist davon auszugehen, dass bei der Begegnung sein künstlerisches Streben nach Schönheit auf der Strecke geblieben ist. Vielleicht hat er sich, unter dem Einfluss der vom Dämon eingeflößten schuldhaften Begierden, zu Dingen hinreißen lassen, die in ihm Gefühle der Schuld oder des Selbstekels verursachten. Der Absturz in den "Ennui" wäre in diesem Fall auf eine Mischung aus Frust und Überdruss zurückzuführen.

Fassen wir kurz zusammen, wie der Dämon den Poeten auf das Feld des "Ennui" geführt hat! Der Dämon hat dem Poeten schuldhafte Begierden eingepflanzt und ihm, heuchlerisch seine Vorliebe für die Schönheit ausnutzend, eine schöne Frau als Köder vorgesetzt, real oder als Fantasiegebilde. Der Poet hat durch diese Frau keine Erfüllung seines Drangs nach Schönheit erfahren können, und auch seine schuldhaften Begierden, die ihm vom Dämon eingeflößt worden waren, hat er bestenfalls unter Schuldgefühlen und Selbstekel befriedigen können. Er verspürt Frustration und vielleicht auch Überdruss.

Als deutsche Entsprechung für "Ennui" schien mir "Unzufriedenheit" ein guter Kompromiss zu sein, weil es die genannten Elemente des Überdrusses und der Frustration in sich vereint. Dass Frustration im Spiel ist, darauf deutet auch die letzte Strophe hin. Denn darin erzählt der Poet, wie der Dämon auf dem Weg über den "Ennui" in seinen Augen zerstörerische, blutige Fantasien ent­stehen lässt. Es ist dies derselbe Mechanismus, der auch in der Vorrede zu den Fleurs, Au Lecteur, eine Rolle spielt. Auch dort ist davon die Rede, wie die Versagung von Begierden den Drang zur Zer­störung wecken kann. Allerdings ist in der Vorrede der Zusammenhang zwischen der Versagung und dem Zerstö­rungsdrang direkter. Moralisch gezügelte oder versagte destruktive Triebe führen dort di­rekt zum "Ennui", zur Unzufriedenheit und Verdrossenheit, aus denen sich dann die wahrhaft zerstö­re­rischen Fantasien entwickeln. Im vorliegenden Gedicht sind die Zusammenhänge etwas komplizier­ter. Der Poet verspürt an sich ehrenwerte Neigungen, die aber vom Dämon konterkariert werden. Er lässt sich zu etwas verführen, was zwar seinen Begierden, nicht aber seinen besten Seiten entspricht. Am Ende hat er weder die ehrenwerten Neigungen befriedigen noch seine dunklen Begier­den ohne Schuldgefühle genießen können. Frustration und letztlich destruktive Fantasien sind die Folge.

Wie der Poet selbst seine Rolle in diesem Geschehen beurteilt, erscheint auf den ersten Blick evident: er fühlt sich schuldlos, ein Spielball in den Händen des Dämons. Die ungute Nähe zu den dämoni­schen Frauen ergibt sich nach heuchlerischer Verführung durch den Dämon, der dabei die ehrenwer­ten Neigungen des Poeten ausnutzt. Selbst die schuldhaften Begierden, von denen der Poet besessen ist, werden ihm vom Dämon mit Hilfe einer nicht wahrnehmbaren Luft eingeflößt. Und es ist auch der Dämon, der ihn aufs Feld des "Ennui" führt und ihm die zerstörerischen Fantasien in die verwirrten Augen wirft.

Es ist allerdings anzunehmen, dass der Poet den Dämon nur als ein abstraktes Konzept des Schlech­ten ersonnen hat, das seine guten Seiten unterdrückt, und dass er, wie Goethes Faust, zwei Seelen in seiner Brust spürt. Anders als bei Faust, geht es beim Poeten jedoch nicht um den Konflikt zwischen einer erhabenen Rationalität und der Sinnlichkeit, sondern um gut und böse. Und noch eine Beson­derheit gibt es in unserem Gedicht: Die Einwirkung des Dämons vollzieht sich unmerklich für den Poeten. Er ist sich ihrer nicht bewusst. Seine Einsicht entsteht erst in der Rückschau. Der Dämon gleicht in dieser Hinsicht einem Freudschen Es, dem Domizil der menschlichen Triebe. Der Poet macht, wenn wir den Dämon auf diese Weise deuten, alles mit und in sich selber aus. Er wird von wider­stre­benden Wünschen und Trieben gebeutelt und merkt zu spät, dass er nicht handelt, wie sein ehren­wertes Ich es gerne hätte. Er ist weit davon entfernt, sein eigener Herr zu sein.

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Hinweis: meine Übersetzung des Gedichts finden Sie hier