Edward Thomas: Aspens

Ist es möglich, Metren und Reime zu benutzen und gleichzeitig im Konversationston zu schreiben? Kommt dies einer Quadra­tur des Kreises nahe? Edward Thomas (1878 - 1917) war der Meinung, dass man beides verbinden könne. Er strebte einen einfachen, ausdrucks­tarken und verständlichen Schreibstil an, welcher der gespro­chenen Sprache nahekam. Diesen Stil verband er mit klassi­schen Metren und Reimen, die er jedoch nicht strikt einhielt und denen er niemals den Vorrang vor dem Inhalt gewäh­ren wollte.

In dem folgenden Gedicht Aspens (Espen) setzte Thomas seine poetischen Grundsätze nur in sehr milder Form um. Es ist sehr wohlklingend, was man nicht von allen seinen Gedichten behaupten kann.

Ich präsentiere zunächst das englische Original und dann meine eigene Übersetzung des Gedichts ins Deutsche. Danach folgen einige Erläuterungen, welche das Verständnis erleichtern sollen.


Aspens

All day and night, save winter, every weather,
Above the inn, the smithy, and the shop,
The aspens at the cross-roads talk together
Of rain, until their last leaves fall from the top.

Out of the blacksmith's cavern comes the ringing
Of hammer, shoe, and anvil; out of the inn
The clink, the hum, the roar, the random singing -
The sounds that for these fifty years have been.

The whisper of the aspens is not drowned,
And over lightless pane and footless road,
Empty as sky, with every other sound
Not ceasing, calls their ghosts from their abode,

A silent smithy, a silent inn, nor fails
In the bare moonlight or the thick-furred gloom,
In tempest or the night of nightingales,
To turn the cross-roads to a ghostly room.

And it would be the same were no house near.
Over all sorts of weather, men, and times,
Aspens must shake their leaves and men may hear
But need not listen, more than to my rhymes.

Whatever wind blows, while they and I have leaves
We cannot other than an aspen be
That ceaselessly, unreasonably grieves,
Or so men think who like a different tree.


Espen

Zu jeder Zeit und jedem Wetter, nur im Winter nicht,
wo sich die Straßen kreuzen beim Laden und dem Schmied,
hört man, wie Espe zu der Espe spricht
vom Regen, bevor das letzte Blatt vom Wipfel flieht.

Aus der Schmiedehöhle tönt das Klingen
von Hammer, Schuh und Amboss, aus der Bar
das Klirren, Summen, Brüllen und gelegentliche Singen,
so wie es schon vor fünfzig Jahren war.

Nichts, was das Espenwispern überdröhnt,
und über dunklen Fenstern, unbelebten Straßen,
leer wie der Himmel, wird es, gleich was tönt,
nicht ganz verstummen, ruft Geister, die zuhause saßen,

die stille Schmiede und die Bar, vermag bei allem,
im nackten Mondlicht, dick bepelzten Düsterheiten,
im Sturm und in der Nacht der Nachtigallen,
die Kreuzung zum Gespensterraum zu kleiden.

Auch nahe Häuser können diesen Lauf nicht stören.
Gleich wie die Zeiten sind und wie die Wetter keimen,
werden Espen drüber Blätter schütteln, und Menschen hören,
nicht immer lauschen, nicht mehr als meinen Reimen.

Wie der Wind auch ist, wenn wir in Blättern stehen,
kann ich wie sie nur Espe sein,
mich sinnlos unentwegt im Gram ergehen.
Es wird nicht anders mit anderen Bäumen sein.

Übersetzung: Frank Freimuth


Wie in dem noch bekannteren Gedicht Adlestrop entbehrt auch in Aspens das ge­schilderte Naturgeschehen jeder Dramatik. Es handelt sich um das Geräusch, das die Blätter der Espen enfalten:

Zu jeder Zeit und jedem Wetter, nur im Winter nicht,
wo sich die Straßen kreuzen beim Laden und dem Schmied,
hört man, wie Espe zu der Espe spricht
vom Regen, bevor das letzte Blatt vom Wipfel flieht.

Wir merken gleich, dass es hier nicht nur um eine möglichst präzise Schilderung der Situation geht, sondern um die Präsen­tation einer Allegorie. Die Espen sprechen miteinander, und sie sprechen über den Regen, ein Umstand, der sicherlich auf kei­ner botanischen Erkenntnis beruht, sondern auf einer Empfin­dung des Sprechers. Die Vermutung liegt nahe, dass das Gesprächsthema der Espen, der Regen, ein Symbol ist. Wenn dies so ist, so wissen wir an dieser Stelle allerdings noch nicht, was der Regen symbolisieren soll. Ein säuberndes Element, ein la­bendes, ein betrübliches oder betrübendes, Krankheit und Un­glück vielleicht?

In den nächsten drei Strophen erfahren wir, dass das Wispern der Espen vom menschlichen Treiben nicht übertönt wird und dass es auch über die Nacht hinweg anhält und dann die stille Umgebung in einen gespenstischen Raum verwandelt. Mit diesen Informationen verdichtet sich beim Leser die Ahnung, dass der Regen, von dem die Bäume sprechen, nichts Ange­nehmes ist. Die letzten beiden Strophen schaffen dann endgül­tig den Kontext, der eine Deutung der Allegorie erlaubt:

Auch nahe Häuser können diesen Lauf nicht stören.
Gleich wie die Zeiten sind und wie die Wetter keimen,
werden Espen drüber Blätter schütteln, und Menschen hören,
nicht immer lauschen, nicht mehr als meinen Reimen.

Wie der Wind auch ist, wenn wir in Blättern stehen,
kann ich wie sie nur Espe sein,
mich sinnlos unentwegt im Gram ergehen.
Es wird nicht anders mit anderen Bäumen sein.

In der vorletzten Strophe gibt sich der Sprecher als Dichter zu erkennen. Er vergleicht sich gleichzeitig mit den Espen, deren Äußerungen die Menschen vernehmen, denen sie aber nicht immer lauschen. Eine wunderbare Formulierung deutet an, was Espen und Dichter vom Treiben der Menschen halten: die Es­pen schütteln darüber die Blätter, ganz so wie ein Mensch über etwas, das ihm nicht ganz geheuer erscheint, den Kopf schüt­telt.

Die letzte Strophe bestätigt definitiv die Gleichsetzung von Es­pen und dem Dichter-Sprecher. Auch über die Natur des Re­gens als Symbol werden wir aufgeklärt: der Sprecher ergeht sich, wie er sagt, sinnlos und unentwegt im Gram, so wie es auch die Espen tun. Was es genau ist, das ihn betrübt, erfahren wir nicht. Es mag in seiner Person liegen, es wird aber wohl auch seine Beziehungen zu den Mitmenschen betreffen, deren Gehabe er befremdlich findet und über die er, wie die Espen ihre Blätter, den Kopf schütteln muss. Die Formulierung "Auch nahe Häuser können diesen Lauf nicht stören" legt die Vermutung nahe, dass auch nahe stehende Personen nicht den Gram des Sprechers auflösen können. Schon in der ersten Stro­phe, besonders aber in der vorletzten, deutet uns der Sprecher an, dass das Wispern der Espen nicht nur eine vorübergehende Angelegenheit ist. Und so wie die Espen ihre Geräusche unent­wegt und über die Jahre fortführen müssen, kann auch der Dichter-Sprecher nicht aus seiner Haut. Es bleibt ihm nichts, als weiterzumachen.

Aspens ist ein außergewöhnlich elegant formuliertes und wohlklingendes Gedicht. Es ähnelt darin Adlestrop, ist aber sehr viel expliziter auf die Wesenszüge des Sprechers gemünzt, und diese Wesenszüge sind auch sehr viel problematischer. Trotzdem liest sich das Gedicht nicht wie ein Klagelied. Dies liegt zum einen an mehreren wunderschönen Formulierungen, zum anderen an der genialen selbst-ironischen Schlusszeile, welche dem Gedicht die Schwere und das Pathos nimmt.

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