Gedanken zur Verwendung poetischer Formen

Poetische Formen dienen vor allem der klanglichen Gestaltung von Gedichten, und dies ist auch der einzige Aspekt, den ich hier ansprechen will. Technisch gesehen sind sie Muster, denen man den Text unterwirft, um ihn "zum Klingen bringen". Ihre Wirkung beruht auf der Wiederholung und der Wiedererken­nung. Es gibt zwei besonders wichtige Arten dieser Muster, die Metren und die Reime. Mit einem Metrum verleiht der Dichter seinem Gedicht einen Rhythmus, der die Wirkung des Texts ergänzt und verstärkt. Ein Metrum besteht aus zwei oder mehr Wiederholungen eines rhythmischen Basismusters, des Versfußes. Der bekannteste Versfuß im deutschsprachigen und im englischsprachigen Raum ist der Jambus. Er liegt vor, wenn von zwei aufeinander folgenden Silben die erste unbetont und die zweite betont ist. Wiederholt man fünf Jamben in einer Textzeile, dann genügt der betreffende Text einem häufig an­gewandten Metrum, das fünffüßiger Jambus genannt wird. In den beiden folgenden Beispielen sind die betonten Silben dunkler:

Du holder Lüstling, schlimmer liebster Freund
Du hast zum Frühstück keine Wurst gegessen

Das erste Beispiel stammt aus der Übersetzung eines Sonetts von Shakespeare, das zweite zeigt, dass auch Sätze der Alltags­sprache metrisch geformt sein können. Gewöhnlich ist sich al­lerdings der Sprecher eines Satzes in der Alltagssprache des Metrums nicht bewusst. Bestenfalls merkt er, dass eine Formu­lierung besser klingt als die andere. Metren gibt es wohl schon so lange, wie es Sprache gibt. Die systematische Nutzung der Metren, um Gedichten Rhythmus und Klang zu verleihen, ist fast so alt wie die Dichtung selbst. Im Idealfall bilden Text und Metrum eine harmonische Einheit, die auf den Hörer viel stär­ker wirkt, als es der ungeformte Text könnte. Im folgenden Ausschnitt aus dem Gedicht Rock Me To Sleep von Elizabeth Akers Allen wünscht sich die Sprecherin ihre ver­storbene Mut­ter zurück. Das Metrum, ein Daktylus, vermittelt dem Hörer den Eindruck, dass die Mutter das Kind im Takte wiegt:

Backward, flow backward, O tide of the years!
I am so weary of toil and of tears, -
Toil without recompense, tears all in vain, -
Take them, and give me my childhood again!

Das Beispiel zeigt allerdings nicht nur die Macht des Metrums, sondern auch die Gefahr seines Missbrauchs. Wir können uns leicht vorstellen, dass nicht nur die Sprecherin, sondern auch der Hörer in den Schlaf gewiegt würde, wenn es über lan­ge Strecken so weiter ginge. Metren sind eine gute Basis für pas­senden Klang, aber sie sind keine Selbstläufer. Gute Dichter spüren, wenn der metrisch geformte Text zu einförmig wird und können gegensteuern.

Während Metren sich häufig unbeabsichtigt in die Alltags­sprache einschleichen, ist dies bei Reimen äußerst selten der Fall. Wenn der Effekt des Metrums ein Flüstern ist, ist der des Reims ein lautes Rufen. Wie bei den Metren, gibt es auch bei Reimen eine Vielzahl von Formen, die ihre spezifischen Wir­kungen haben. In der Geburtstags- und Jubiläumslyrik gelten Reime meist als konstituierende Merkmale eines Gedichts, Metren sind in diesem Bereich seltener anzutreffen. Dagegen werden in der künstlerischen Dichtung Reime zurückhaltender verwendet als Metren. Nicht weil sie zu wenig Wirkung auf den Zuhörer hätten, sondern weil sie außerordentlich stark auf ihn wirken.

Der Effekt von Reimen auf den Zuhörer ist sehr vielfältig. Wie man aus Erfahrung weiß, führen Reime dazu, dass man sich ein Gedicht leichter merken kann und dass der Text eine größere Aufmerksamkeit erregt. Auf diesen Eigenschaften be­ruhen viele der Merkverse, mit denen man seit Jahrhunderten die Jugend plagt. Je schneller die gleich klingenden Wörter des Reims aufeinander folgen, umso stärker nehmen wir ihn wahr. Stehen die Reimwörter sehr eng beisammen, dann können wir den Eindruck gewinnen, dass der Reim den Text dominiert, liegen sie sehr weit auseinander, entgeht den Hörern unter Um­ständen ihre Verbindung.

Subtiler, aber nicht weniger wichtig als die reine Klangwir­kung des Reims ist die Bedeutung der durch Reim verbunde­nen Wörter. Der Reim lenkt die Aufmerksamkeit auf das Ver­hältnis, das zwischen ihnen besteht. Er kann Gleichheiten beto­nen oder Gegensätze hervorheben, wie in der letzten Strophe von Hermann Hesses Stufen:

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Reime können skurril witzig wirken, manchmal auch un­frei­willig komisch. Oft sind komische Reimfügungen auch Aus­druck von Ironie oder Selbstironie, wie (vielleicht) in Goethes Formu­lierung aus dem Faust:

Die Sonne sinkt, die letzten Schiffe
Sie ziehen munter hafenein.
Ein großer Kahn ist im Begriffe
Auf dem Kanale hier zu sein.

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Der Formeneinsatz kann ein Gedicht zum Klingen bringen. Er bringt Musik ins Gedicht. Er eröffnet auch, wie die Beispiele zum Reim zeigen, Ausdrucksmöglichkeiten, welche der Text alleine nicht bieten kann. Meist hat jedoch das, was Vorteile bringt, auch Nachteile. Der Formeneinsatz hat sogar deren zwei, wobei der erste eher theoretischer Natur ist: Er schränkt die Möglichkeiten der textlichen Gestaltung ein. Suchen wir für ein bestimmtes Wort ein gleich klingendes Reimwort, so ist die Auswahl begrenzt. Zu Land passt Sand, Tand, fand und noch manches andere Wort, aber verglichen mit dem ganzen Wörtervorrat der deutschen Sprache ist dies natürlich wenig. Auch Metren grenzen die Dichter ein, in der Wortwahl und in der Wortanordnung. Wählte man z.B. für die obigen Beispiele zum fünffüßigen Jambus die folgenden Anordnungen, dann entspräche der Text nicht mehr dem Metrum:

Du schlimmer liebster Freund, holder Lüstling
Du hast keine Wurst zum Frühstück gegessen.

So logisch der Einwand der Einschränkung zunächst klingt, so unwesentlich erweist er sich in der dichterischen Praxis. Denn die Form erweckt erfahrungsgemäß die Kreativität und den spielerischen Impetus des (guten) Dichters und inspiriert ihn zu Formulierungen, auf die er ohne die Hürden der Form nicht gekommen wäre. Was theoretisch als Ein­schrän­kung erscheint, wird in der Praxis zur Berei­cherung.

Der wahre Preis der Form ist ein anderer. Es ist der mit Hilfe der Form erzeugte Klang selbst. Es gibt Poeten, die den Klang über den Inhalt stellen. Gottfried Benn war so einer, zumindest zeitweise, wie sein Gedicht Welle der Nacht bezeugt:

Welle der Nacht - Meerwidder und Delphine
mit Hyakinthos leichtbewegter Last,
die Lorbeerrosen und die Travertine
wehn um den leeren istrischen Palast, ...

Die meisten Dichter, die formgestützt schreiben, sehen ihr Ide­al jedoch in einem harmonischen Ganzen aus Text und Klang. Dies setzt voraus, dass der Text einen verstehbaren Inhalt hat, auch wenn dieser sich vielleicht nicht beim ersten Lesen er­schließt.

In einem Ansatz, der dem von Benns Welle diametral entge­gengesetzt ist, wird der Klang dem Text völlig untergeordnet. Noch ein wenig extremer ist die Einstellung, dass Klang nicht nur unwichtig, sondern auch unerwünscht sei. Wer als Dichter diese Position vertritt, tut recht daran, auf klangbringende Formen zu verzichten. Wer aber gerne klingende Verse schrei­ben möchte, jedoch nicht vermag, ihnen Klang zu geben, der sollte sich mit Metren und Reimen beschäftigen.

Ein klingendes Gedicht ohne Reim zu schreiben, ist sicher möglich; klingende Verse ohne jegliche Anlehnung an ein Me­trum zu schreiben, ist wie das Gehen auf einem schmalen Brett. Es gelingt nur, indem man durch sehr kurze Zeilen und geeig­nete Zeilenumbrüche beim Hörer ein Gefühl von Rhyth­mus er­zeugt. Das Spektrum möglicher Gedichte, die auf diese Weise rhythmisiert werden können, ist natürlich sehr be­grenzt. Es bleibt das Metrum als einziges Mittel, das auf alle Arten von Versen zuverlässig angewandt werden kann. Es ist so etwas wie der goldene Schnitt der Poesie.

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Es ist ein Irrtum anzunehmen, Metrum und Reim seien ver­gängliche Erscheinungen vergangener Zeiten. Diese Formen haben geholfen, die Lyrik über zweitausend Jahre lang am Le­ben zu erhalten. Ebenso ist es ein Irrtum, dass die freien, form­losen Verse eine Errungenschaft der sogenannten Moderne wä­ren. Freie Verse waren schon zu Zeiten Goethes bekannt und der Altmeister selbst hat hin und wieder solche Verse geschrie­ben. Im Allgemeinen bediente er sich jedoch des zur Verfü­gung stehenden poetischen Handwerkszeugs.

Viele heutige Autoren legen auf den Klang wenig Wert, der Text alleine soll es bringen. Wenn dieser dazu noch unver­ständlich ist, bleibt nichts mehr übrig, was Leser und Hörer anziehen könnte. Ob es an dieser Art zu schreiben liegt, dass die gegenwärtige, in den Literaturzeitschriften publizierte Poe­sie nur ein winziges "erlesenes" Publikum findet? Beweisen lässt sich dies nicht, aber es gibt Indizien dafür. Denn während die Bücher der heutigen Poeten immer weniger den Weg in die Regale der Buchhandlungen finden, verkaufen sich die Werke der "alten Meister" und die Anthologien, die zum großen Teil aus formgestützten Gedichten bestehen, immer noch gut. Und da sind außerdem die brechend gefüllten Säle der Rap-Veran­staltungen und der "Poetry Slams", in denen meist junge Leute hochrhythmische und meist gereimte Ge­dich­te vortragen, die Jung und Alt begeistern.

Oft hört man den Ratschlag an Dichter und an Künstler im Allgemeinen, dass es der Kunst nicht förderlich sei, wenn sich der Urheber eines Werks nur am Publikum orientiere. Das ist sicher richtig. Genauso richtig ist aber, dass Künstler, und da­mit auch die Dichter, ihr Publikum brauchen. Sie brauchen es nicht nur zum Broterwerb, sondern als Basis und Erdung ihres Tuns und ihrer Inspiration. Mit der Kunst ist es in dieser Hin­sicht wie mit der Sexualität: mit Selbstbefriedigung kann man nicht einmal sich selbst begei­stern, und wenn schon, dann nur für begrenzte Zeit. So richtig schön kann man sie nur mit Part­nern erleben.